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France-Mail-Forum 9 (Januar 98)


(1) Articles/Débats

**********************Die Debatte um den Terror des Kommunismus:

Jean Ferrat: La marche du siècle
aus: L'Humanité, 5.12.1997.

Dorothea Hahn:"Das läßt sich nicht auf fünf Seiten erklären"
Interview mit Nicholas Werth
TAZ Nr. 5396 vom 01.12.1997, Seite 18.

J.-M. C.: Le communisme et nous
aus: Le Monde, 5.12.1997.

Ulrike Ackermann: "Schwarzbuch des Kommunismus"
aus: TAZ, Nr. 5396 vom 01.12.1997 Seite 12.

Hans-Hagen Bremer: Späte Nachholstunde zu einem Jahrhundertthema
aus: Frankfurter Rundschau 22.11.1997.

**********************Die Debatte um Nationalität und Immigration:

Anonyme: Le droit du sol en trois dates
aus: Le Monde 14.11.1997.

Aufruf der Künstler und Intellektuellen: Sans Papiers- régularisez!
aus: Le Monde 3.10.1997.

Christina von Braun: Der nervöse Volkskörpers
aus: TAZ-Magazin Nr. 5383 vom 15.11.1997,
Seite 10-11.

Philippe Bernard: Immigration, nationalité, intégration
aus: Le Monde 14.11.1997.

Philippe Bernard: Ce que le projet Guigou propose de modifier
aus: Le Monde 26.11.1997.

Daniele Lochak:Von guten Ausländern und bösen Illegalen
aus: Le Monde diplomatique Nr. 5382 vom 14.11.1997, Seite 20-21.

Dorothea Hahn: Hauptziel: Kampf gegen die Migration
aus: TAZ, 4.12.1997.

**************************Der Prozeß Papon:

Jean-Baptiste de Montvalon: Pour Lionel Jospin, la " France " n'est pas coupable de Vichy
aus: Le Monde, 23.10.1997.

Nicolas Weill: Mouvement éditorial autour de l’affaire Maurice Papon
aus: Le Monde, 3.10.1997.

Lucas Delattre: Le nazisme, Vichy et le procès Papon vus par un historien allemand
aus: Le Monde, 7.11.1997.

Philippe Bernard: Le Procès Papon
aus: Le Monde, 17.10.1997.



(1) Articles/Débats

Die Debatte um den Terror des Kommunismus:
 
Jean Ferrat:  
La marche du siècle  
aus: L'Humanité, 5.12.1997 
La marche du siècle
'Le Bilan'
Voici le texte de la chanson de Jean Ferrat, enregistrée en 1980, et qui a été diffusée, mercredi soir, à la fin de 'La marche du siècle'. Au moment de la sortie du disque où figure 'le Bilan', Jean Ferrat confiait au 'Monde': 'Cette chanson, je voulais la faire depuis des années. (...) Je voulais englober à la fois le passé, le présent et le futur. C'est donc loin d'être une chanson spontanée. J'ai bien pesé les mots et j'ai recommencé dix fois les phrases'...

Ah, ils nous en ont fait avaler des couleuvres,
De Prague à Budapest, de Sofia à Moscou,
Les staliniens zélés qui mettaient tout en oeuvre
Pour vous faire signer les aveux les plus fous.
(...) Ah, comme on y a cru aux déviationnistes,
Aux savants décadents, aux écrivains espions,
Aux sionistes bourgeois, aux renégats titistes,
Aux calomniateurs de la Révolution,
Au nom de l'idéal qui nous faisait combattre
Et qui nous pousse encore à nous battre aujourd'hui.
(...) Ah, ils nous en ont fait approuver des massacres
Que certains continuent d'appeler des erreurs,
Une erreur c'est facile comme un et deux font quatre.
Pour barrer d'un seul trait des années de terreur
Ce socialisme était une caricature.
Si les temps ont changé des ombres sont restées.
J'en garde au fond du coeur la sombre meurtrissure,
Dans ma bouche à jamais la soif de vérité.
Au nom de l'idéal qui nous faisait combattre,
Et qui nous pousse encore à nous battre aujourd'hui.
(...) Mais quand j'entends parler de 'bilan' positif
Je ne peux m'empêcher de penser à quel prix.
Et ces millions de morts qui forment le passif,
C'est à eux qu'il faudrait demander leur avis.
N'exigez pas de moi une âme de comptable
Pour chanter au présent ce siècle tragédie,
Les acquis proposés comme dessous de table,
Les cadavres passés en pertes et profits.
Au nom de l'idéal qui nous faisait combattre,
Et qui nous pousse encore à nous battre aujourd'hui.
(...) C'est un autre avenir qu'il faut qu'on réinvente,
Sans idole ou modèle, pas à pas, humblement,
Sans vérité tracée, sans lendemains qui chantent,
Un bonheur inventé définitivement.
Un avenir naissant d'un peu moins de souffrance
Avec nos yeux ouverts en grand sur le réel
Un avenir conduit par notre vigilance
Envers tous les pouvoirs de la terre et du ciel.
Au nom de l'idéal qui nous faisait combattre,
Et qui nous pousse encore à nous battre aujourd'hui. 




 
 

Dorothea Hahn:"Das läßt sich nicht auf fünf Seiten erklären"


Interview mit Nicholas Werth


TAZ Nr. 5396 vom 01.12.1997, Seite 18.

Das "Schwarzbuch des Kommunismus", das Frankreich bewegt, ist weniger plakativ als sein Vorwort. Nicholas Werth, einer der Autoren, über zulässige und unzulässige Vergleiche

taz: Herr Werth, welchen wissenschaftlichen Sinn macht es, Toten- und Opferzahlen der verschiedenen kommunistischen Länder zu vergleichen? 

Nicolas Werth: Das ist gerade das Problem. Dieser Vergleich hat gar nicht stattgefunden. Eigentlich wäre es Aufgabe des Vorworts gewesen, eine derartige Reflexion über die verschiedenen kommunistischen Erfahrungen anzustellen. Denn trotz aller Unterschiede gibt es gewisse Ähnlichkeiten zwischen der chinesischen, der kambodschanischen und der russischen Erfahrung. Das verlangt eine sehr sorgfältige Analyse. Auch ein Vergleich mit dem Nazismus war nicht Thema des Buchs. 

Was haben die Bolschewiken in Moskau mit den Roten Khmer in Phnom Pen gemeinsam? 

Relativ wenig. Die historische Situation ist völlig unterschiedlich. Man befindet sich nicht in derselben Phase der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wenn es in Kambodscha soviel Gewalt gab, lag das auch daran, daß das Regime glaubte, es hätte nur sehr wenig Zeit. Meines Erachtens muß die kambodschanische Erfahrung, die auf die Ereignisse in Vietnam und China folgte, getrennt gesehen werden. Sie ist einzigartig, sehr kurz, schrecklich terroristisch. 

Das Problem einer vermeintlich knappen Zeit hat sich auch für Lenin gestellt. Der wunderte sich darüber, daß seine Revolution länger hielt als die Kommune von Paris. 

Ja, es gab auch bei ihm eine Art Panik, daß ihm die Dinge entgleiten würden. Aber die Bewegung bei der Leninschen Erfahrung war doch eine völlig andere - vor dem Hintergrund eines Weltkriegs, von sozialem Chaos und drohender Deregulierung einer revolutionären Gesellschaft. 

Wie definieren Sie Kommunismus? 

Der real existierende Kommunismus ist zuerst eine politische Diktatur. Das schließt natürlich jede Ausdrucksfreiheit aus und führt zu mehr oder weniger massiven Formen von Gewalt und Repression. Aber das heißt nicht, daß er systematisch kriminelle Formen annimmt - immer und in jedem Land. Es gibt auch Formen der Repression - Deportation, Inhaftierungen - die nicht unbedingt Massaker sind. Der Terror der Massenhinrichtungen war in der Sowjetunion auf maximal zehn Jahre beschränkt: 1918 bis 1922; dann 1930 bis 1933; dann 1937 bis 1938. 

Was sind die Gemeinsamkeiten dieser Terrorwellen in der Sowjetunion? 

Sie richten sich gegen die Gesellschaft. 1918 gibt es noch einen echten Widerstand. 1930 ist es eine Attacke gegen eine Gesellschaft, die sich nicht mehr wehrt. 1936 bis 1937 ist es mit 680.000 Exekutionen nach einem Quotensystem noch mal anders - es geht nicht mehr um die Deportation von Bauern oder um Hungersnöte. Es handelt sich um eine extreme Form von Gewalt. 

Warum wollen Sie das nicht, wie Courtois im Vorwort, "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nennen? 

Das ist eine juristische Definition. Ich bin weder Jurist noch Richter - sonst könnte man auch Madagaskar 1947, wo mehrere hunderttausend Malgaches von den Franzosen massakriert wurden, "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nennen. 

Massenterror und Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen gehören auch zu den Charakteristika des Nationalsozialismus. Warum wehren Sie sich gegen den Vergleich? 

Der Vergleich ist sicher legitim. Aber nachdem man ein paar ziemlich banale Dinge über die Ideologie der Ausgrenzung und Führerkulte gesagt hat, muß man anfangen weiterzuarbeiten, wie es auf seriöse Art Historiker wie Jan Kerschow und Moshe Lewin vorgemacht haben. Das läßt sich nicht auf fünf Seiten erklären, wie Courtois das in seinem Vorwort tut. 

Courtois sagt auch, daß die Nationalsozialisten mit ihrem Konzentrationslagersystem dem Beispiel der Sowjetunion gefolgt sind, die bereits vorher Lager eingerichtet hatte. 

Es gibt eine weitgehende Simultanität. Die ersten Lager in der Sowjetunion entstehen 1931, 1932 und 1933. Aber man müßte erst mal zeigen, daß die Nationalsozialisten das Modell der Sowjetunion kopiert haben. Vielleicht haben sie das. Bislang haben wir keinen Beweis dafür. 

Wie viele Todesopfer der Repression haben Sie in der Sowjetunion gezählt? 

Ich gebe keine globale Zahl. 1921 bis 1922 zum Beispiel gab es 5 Millionen Hungertote. Die Leute sind unter sehr komplexen Umständen an Hunger gestorben. Seit drei Jahren war Bürgerkrieg, es gab Requisitionen, Typhus, Hunger. Man kann das nicht mit Exekutionen gleichsetzen. 6 Millionen Menschen sind bei der Hungersnot von 1932 bis 1933 umgekommen. Das sind schon 11 Millionen Tote in zwei ziemlich unterschiedlichen Hungersnöten. Dann gab es die direkteren Opfer der Repression. Eine Million Tote im Gulag in der Epoche, von der wir präzise Zahlen haben: 1934 bis 1953. Es gibt ungefähr 1,5 Millionen Tote unter den 7 Millionen Deportierten zwischen 1930 und 1953. Und 800.000 Erschossene zwischen 1922 und 1953 - davon die meisten in den Jahren 1936 und 1937. Sie wurden wegen sogenannter konterrevolutionärer Verbrechen von Tribunalen verurteilt, die der politischen Polizei unterstanden. Dann gibt es mehrere hunderttausend im Bürgerkrieg bei der "Pazifizierung" von Bauern- und Kosakenregionen Gefallene. Wenn man all diese Toten aus sehr unterschiedlichen Gründen zusammenzählt, kommt man auf 15 Millionen. 

Im Vergleich zu früheren Studien sind Ihre Opferzahlen niedriger. Woran liegt das? 

Neue Dokumente aus den Archiven des Gulag zeigen, daß die Sterblichkeit bei den Deportierten und den Häftlingen viel niedriger lag als zum Beispiel Robert Conquest oder Alexander Solschenyzin geschrieben haben. Die Fortschritte in der Dokumentation seit ungefähr zehn Jahren ermöglichen neue Einblicke in den Bürgerkrieg in der Sowjetunion. Bisher war man von einem Kampf zwischen zwei Armeen ausgegangen: "Rote" gegen "Weiße". Heute sieht man die Rolle der "Grünen" klarer, der aufständischen Bauern gegen das bolschewistische Regime, die den Beitrag zur Armee und die Requisitionen verweigerten. 

Haben Sie die kommunistische Doktrin im Hinblick auf die spätere Entwicklung der Sowjetunion untersucht? 

In den "Gesammelten Werken" Lenins ist schon alles gesagt. Daß Lenin einen terroristischen Diskurs führte, müßte bekannt sein. Was mich als Historiker jenseits der Doktrin interessiert hat, war das konkrete Geschehen an der Basis. Ein Beispiel: Im März 1921 wird die NÖP dekretiert. Das gilt in allen Geschichtsbüchern als Ende des Terrors, als eine neue Politik. Was ich mit Hilfe von neuen Dokumenten zu zeigen versuche, ist, daß im März 1921 bloß oben, wo das dekretiert wird, ein Bruch ist. An der Basis leben der Geist und die Praktiken des Bürgerkriegs weiter. Ein anderes Beispiel: Stalin dekretiert die Liquidierung der Kulaken. An der Basis sieht man da ein ganz außergewöhnliches Chaos. Die lokalen Dirigenten der Partei haben diese Operation überhaupt nicht vorbereitet und wissen nicht, was sie tun sollen. Also wird man die unglücklichen Kulaken in Konvois herumfahren, sie in der Taiga zurücklassen. Sie werden fliehen. Sie werden sterben. Das war nicht das Ziel der Operation. Sie sollten irgendwohin gebracht werden, um Regionen zu kolonisieren. 

Gab es Zeiten ohne Repression in der Geschichte der Sowjetunion? 

Die Repression hörte nie auf, schwächte sich aber ab. Ich will den Mut der Dissidentenbewegung nicht minimieren, aber das sind ein paar hunderttausend Personen pro Jahr gewesen - in einem Land mit 200 Millionen Einwohnern. Man darf nicht nur die Repression gegenüber den authentisch Politischen sehen. In der Breschnew- Epoche gab es zum Beispiel eine im Verhältnis zum Delikt völlig unproportionale Rechtsprechung, wo auf einen kleinen Diebstahl fünf Jahre Lager standen. 

Warum hat die Sowjetunion so lange überlebt? 

Weil es eine große Zahl von Leuten gab, die Nutznießer waren. Bei Millionen von Opfern gab es auch zig Millionen von Menschen, für die das System mehr als akzeptabel war. Es bot immense Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs. Wer in den fünfziger Jahren Arbeiter war, hatte große Chancen, eine sehr schöne Karriere zu machen. Das ist ein Aspekt, der überhaupt nicht in diesem Buch präsent ist. Von Standpunkt des Historikers aus muß man deswegen sehr vorsichtig sein, was die Grenzen des "Schwarzbuchs" betrifft. Man kann das System nicht verstehen, wenn man nicht auch die Aufstiegsmöglichkeiten und die Duldung eines großen Teils der Gesellschaft betrachtet, der eben nicht Opfer war. 

Hat Sie die Reaktion auf das "Schwarzbuch" erstaunt? 

Daß es in Frankreich eine politische Richtung genommen hat, ist verständlich. Es gibt hier noch eine Kommunistische Partei und drei Kommunisten in der Regierung. Ich persönlich sehe allerdings nicht den geringsten Zusammenhang zwischen den heutigen französischen Kommunisten und dem, was vor 50 Jahren in Rußland passiert ist. Das wäre auch absurd. Daß das Buch in das politische Spiel geraten ist, war nicht Ziel der beteiligten Historiker. Das hat allenfalls der Vorwortschreiber gewollt. Und ganz sicher auch der Verlag. 

Bereuen Sie Ihre Mitarbeit? 

Die politische Ausbeutung stört mich. Aber ich hätte es mir denken können. Es ist eben ein verwirrendes Sujet. 

 

J.-M. C.: Le communisme et nous
aus: Le Monde, 5.12.1997

DE L'UNION SOVIÉTIQUE à la Chine, en passant par le Cambodge, des crimes immenses furent commis au nom du communisme. Le bilan en est aujourd'hui résumé d'un chiffre : 85 millions de morts. Pour autant, le communisme comme idéologie, théorie et courant de pensée, fut-il par essence criminel, ayant le crime comme fin et projet, tout comme le nazisme portait en lui explicitement le racisme et la haine, la négation de l'humanité et, donc, le génocide ? Telle est la question posée par Le Livre noir du communisme et les polémiques qu'il suscite, y compris entre ses divers co-auteurs ; et qui se sont heureusement prolongées à la télévision, mercredi 3 décembre au soir, autour de Jean-Marie Cavada.

Parce que ce débat sur le passé concerne notre présent, il ne peut être laissé aux seuls historiens. C'est notre mémoire collective qu'il met en jeu au terme du siècle le plus terrible de l'histoire humaine. Dans une démocratie, la nôtre, qui a la double particularité d'offrir un gouvernement comprenant des ministres d'un parti se revendiquant toujours de l'idéal communiste et un électorat où l'extrême droite ne cesse de progresser et de s'enraciner depuis maintenant quinze bonnes années, l'histoire d'hier rejoint ici la politique d'aujourd'hui.

La promotion éditoriale du Livre noir présente comme des révélations deux points qui, au Monde, nous paraissent acquis de longue date : les Etats communistes commirent des crimes de masse ; comparer stalinisme et nazisme est utile et légitime. Le zèle dénonciateur de certains qui, après avoir adoré dans leur jeunesse le "soleil rouge" maoïste, cru que la "pensée" de Staline incarnait la "juste ligne" face au "révisionnisme" et rêvé d'exporter en France une "guerre civile" calquée sur la Révolution culturelle, découvrent tardivement l'imposture de leurs anciennes idoles, ne saurait faire brusquement litière de tous ceux qui, dès les années 30, 40 ou 50, surent être lucides.

Il n'est donc pas vrai que l'on ne "sait" qu'aujourd'hui. Pour s'en tenir aux années d'après-guerre, il suffit de se reporter à la collection du Monde, né en décembre 1944, pour s'en convaincre.

Bien avant de publier, en 1956, le texte intégral du fameux rapport du XXe congrès du Parti communiste soviétique - point de départ de la déstalinisation -, que le PCF de Maurice Thorez présentera comme le "prétendu rapport attribué au camarade Khrouchtchev", Le Monde avait fait passer ses lecteurs "de la découverte de la curieuse et sympathique Russie adversaire de l'Allemagne nazie aux révélations de l'univers stalinien", ainsi que l'a souligné le meilleur historien de notre journal, Jacques Thibau ( Le Monde 1944-1996, Plon, 1996).

En 1949, à une époque où nombre d'intellectuels de gauche préféraient "avoir tort" avec le PCF que "raison contre lui", notre journal choisit de soutenir explicitement la proposition formulée par l'ancien trotskiste et futur gaulliste David Rousset, rescapé des camps et auteur notamment de L'Univers concentrationnaire, de créer "une commission d'enquête sur les camps de concentration soviétiques". "Il va sans dire que nous nous associons à cette proposition, lisait-on dans Le Monde du 11 novembre 1949. Une foule de témoignages concordants indiquent que la vie concentrationnaire dans l'immense réseau des camps soviétiques n'est guère différente de celle des déportés dans les camps nazis." Suivait une description précise, appuyée sur la démontration de David Rousset, dont le constat, loin d'être infirmé ou même réévalué, est simplement confirmé par les archives accessibles cinquante ans près.

Nous pourrions citer aussi les comptes rendus exhaustifs du procès Kravtchenko (1947), la condamnation sans appel de la "mise au pas de l'intelligentsia soviétique" sous le règne de Jdanov (1948), la publication d'un témoignage accablant sur la "vie secrète du Komintern" (1949), les nombreux reportages sur la mise au pas de l'Europe de l'Est ou encore la chronique minutieuse du procès de Prague de 1952 dont L'Aveu, le livre d'Artur London qui deviendra un film de Costa-Gavras, a révélé au grand public l'engrenage infernal. Le 5 décembre 1952, au lendemain des pendaisons des onze condamnés à mort de ce procès, on pouvait ainsi lire dans nos colonnes un éditorial soulignant l'antisémitisme qui était l'un des ressorts de ces sinistres mascarades judiciaires : "Cette affaire montre [...] que de plus en plus on s'attaque, au-delà du "rideau de fer", aux coupables virtuels ou potentiels, à celui dont les origines sociales, religieuses, ethniques, rendent peu probable l'adhésion sans aucune réserve au régime communiste. Le procès de Prague n'est qu'une étape sur la voie qui mène à la mise au pas totale des consciences et des volontés. Il y en aura d'autres."

Bref, à nos yeux, le Livre noir ne révèle pas une réalité historique jusqu'alors ignorée ou sous-estimée. Il ne faudrait d'ailleurs pas ajouter l'ingratitude à l'oubli en ne reconnaissant pas notre dette envers ceux - anciens communistes en rupture de ban, comme Boris Souvarine, communistes oppositionnels, comme les trotskistes, ou anarchistes et libertaires - qui, dans un isolement souvent tragique, ont accumulé les premières preuves des crimes commis en URSS. Quoi qu'on puisse penser par ailleurs des utopies révolutionnaires qui, pour certains, continuaient de les animer, il nous semble équitable de rappeler qu'ils payèrent parfois leur audace de leur vie. Lors de son assassinat à Mexico en août 1940 par un agent soviétique, Léon Trotski n'était-il pas en train de terminer la rédaction d'un Staline où, avant qu'Hannah Arendt théorise le concept de totalitarisme, le régime au pouvoir à Moscou était jugé "totalitaire", Hitler et Staline, dont le pacte était alors en vigueur, étant même qualifiés d' "étoiles jumelles" ? Mais surtout, comment oublier que tout fut dit, que les termes du débat furent clairement posés dès l'origine par ceux qui refusèrent les "vingt et une conditions" de Lénine : la social-démocratie - elle-même martyrisée en Russie d'abord, dans les démocraties populaires ensuite - a voulu faire progresser la démocratie en y intégrant la revendication sociale, et a combattu la pratique communiste consistant à prétexter la revendication sociale pour faire reculer la démocratie.

Le Livre noir fait donc débat. Légitimement, car il est de toute façon utile de redécouvrir. La démarche des historiens, dont Stéphane Courtois assure qu'elle ne saurait obéir à des considérations de "météorologie politique", par sa répétition même, s'inscrit dans le devoir de mémoire qui vaut pour tous les crimes. Mais de façon plus contestable aussi par sa mise en scène éditoriale, celle-là même dont se sont désolidarisés certains des auteurs, notamment Nicolas Werth et Jean-Louis Margolin. Au départ, il ne devait y avoir que plusieurs essais de qualité et de rigueur inégales, concernant des aires géographiques et des périodes historiques différentes, rassemblées dans un même ouvrage. A l'arrivée, il y a une addition - "de 85 à 100 millions de morts" proclame le bandeau qui orne la couverture - que légitime l'introduction de Stéphane Courtois où, de la comparaison entre nazisme et communisme, l'on peut passer subrepticement - l'auteur s'en est vigoureusement défendu sur le plateau de "La Marche du siècle" - à l'assimilation et au trait d'égalité : l'idéologie communiste, quels que soient les pays, les circonstances et les périodes où elle fut au pouvoir, serait foncièrement d'essence criminelle, tout comme le fut le national-socialisme.

Du point de vue de la discipline dont elle se réclame ici - l'histoire -, l'addition a-t-elle un sens ? Qu'y a-t-il de commun entre l'ultranationalisme paysan des Khmers rouges, éradiquant dans leur folie autogénocidaire tout ce qui s'identifiait peu ou prou à l'univers urbain, et la dékoulakisation de la fin des années 20 en URSS et la terrible famine qui l'accompagna, où un pouvoir citadin et ouvrier entendait mater les campagnes ? Quelles similitudes entre la terreur stalinienne des années 30, dont la première victime fut la génération qui fit la Révolution de 1917 - au point que l'immense majorité du comité central du Parti bolchevique aura été décimée avant 1940 par le pouvoir qu'elle avait fondé -, et la Révolution culturelle maoïste où la bureaucratie au pouvoir instrumente la jeunesse dans ses luttes de clans et de cliques, sans pour autant prendre le risque de s'entretuer ?

Les initiateurs du projet éditorial qui fonde le Livre noir ont évidemment la réponse : le fil rouge communiste unit dans un même sang tous ces crimes. Mais comment ne pas voir que, dès lors, le parti pris idéologique cède le pas à la démarche historienne ? Car, avec la même méthode - ou, plutôt, la même absence de scrupules -, il serait également facile d'ébaucher un "livre noir du capitalisme" additionnant les millions de morts de la "boucherie" de 1914-1918, les divers massacres coloniaux - de l'Algérie à Madagascar, en passant par la guerre d'Indochine -, les suppliciés morts sous la torture pratiquée, entre autres, par l'armée française en Algérie, les populations vietnamienne, laotienne et cambodgienne décimées par le feu roulant des B52 américains, etc. Après tout, ces violences disparates ne peuvent-elles pas être mises au compte de pays ayant pour point commun d'être des démocraties parlementaires et des économies de marché ?

Sauf à rappeler cette évidence que la violence d'Etat, dès qu'elle se manifeste, engendre des violences criminelles, la lecture de l'histoire par les crimes qui l'ont ensanglantée suppose d'identifier et de singulariser le crime, de s'intéresser à son contexte, à sa mise en oeuvre, à sa production concrète. Bref, de s'arrêter - et le mot n'est pas choisi au hasard - aux "détails" qui caractérisent ce crime. Nul hasard en effet si Jean-Marie Le Pen qualifia les chambres à gaz de "détail" dans l'histoire de la seconde guerre mondiale. Or ce n'est justement pas un détail si, au coeur d'un continent développé, de richesse et de culture, le nazisme alla industriellement jusqu'au bout du programme raciste qu'il s'était fixé : tuer des êtres humains parce qu'ils avaient l'unique tort d'être nés.

Le génocide dont furent victimes juifs et tsiganes, a écrit avant sa mort François Furet, a "l'affreuse particularité d'être une fin en soi". Sa mémoire douloureuse, qu'il ne faut cesser d'entretenir car il fut commis au coeur de notre culture, est l'obstacle incontournable sur lequel butte l'extrême droite dans ses efforts pour retrouver la légitimité qu'au terme de ce siècle, continue de lui dénier la réalité tangible du crime auquel a conduit l'idéologie dont elle se réclame.

On objectera que les héritiers du communisme sont dans la même situation. C'est, à nouveau, procéder par simplification et amalgame. L'historien Nicolas Werth a ainsi rappelé que, avant de voir des similitudes entre nazisme et communisme, c'est une différence essentielle qui le frappe : la distorsion entre l'idéal proclamé - de fraternité et d'égalité - et la réalité du pouvoir, au point que d'anciens communistes seront parmi les premiers à dénoncer les crimes commis en son nom, tandis que le nazisme a bel et bien appliqué son programme, au point qu'il n'existe aucun cas de dénonciation des crimes du IIIe Reich par un ancien dignataire nazi, voire un simple SS de base. Bref, il y aura toujours une différence entre celui qui s'engage en croyant à un idéal relié, par la réflexion, à l'espérance démocratique, et celui qui est attiré par un système qui repose sur l'exclusion et qui fait appel aux pulsions les plus dangereuses de l'individu.

Au-delà des aspects polémiques et à usage immédiat de ce débat, il sera sans doute utile d'en garder à l'esprit quelques éléments. En premier lieu, le travail sur l'histoire est salutaire : il doit être toujours recommencé, comme recommencent les générations. Donc un livre, même s'il est un livre de plus sur les crimes du communisme et même s'il est discutable, ne peut être illégitime et inutile. En second lieu, l'acquis et la force de l'anticommunisme sont là pour nous préserver de lendemains qui décahanteraient à nouveau : nourri par les libéraux, de Raymond Aron aux "nouveaux philosophes", comme par la gauche elle-même, il nous enseigne qu'il est indispensable de ne pas prendre les idéologies, si généreuses fussent-elles, au pied de la lettre et qu'il est nécessaire de les ramener constamment aux pratiques qu'elles inspirent.

Le communisme, tel qu'il a été pratiqué, a semé un champ de ruines. De ce point de vue, on peut reprocher à Robert Hue de faire encore trop de place à une certaine bonne conscience communiste, et partant trop peu de cas des innombrables victimes de ce système. Mais l'anticommunisme a aussi ses faiblesses, celle d'avoir négligé la capacité de s'autodétruire du système, d'avoir cru qu'il allit tout emporter sur son passage alors que les véritables dangers de notre époque sont ailleurs ; comme celle de servir d'alibi à ceux qui veulent faire la preuve que, un crime en valant un autre, les dernières barrières qui nous préservent de la légitimation de l'extrême droite sont caduques.

De l'échec tragique du communisme peuvent naître deux leçons : soit qu'il faut en finir avec tout projet prétendant changer la société, de façon à éviter qu'une illusion en remplace une autre, quitte ainsi à s'accomoder des injustices et des inégalités ; soit, si l'on persiste à croire juste et nécessaire un tel changement, d'accepter l'idée que cette aspiration devient illégitime dès lors que les libertés en sont les premières victimes. L'inquiétude est l'antichambre de l'espérance.


 

Ulrike Ackermann: "Schwarzbuch des Kommunismus" 
aus: TAZ Nr. 5396 vom 01.12.1997 Seite 12  

Beharrlich verwechselt man in Deutschland den historischen Vergleich zweier totalitärer Systeme mit deren Gleichsetzung

"Die Nazilager waren kein Zerrbild der kapitalistischen Gesellschaft, sie waren ein recht getreuer Spiegel der stalinistischen Gesellschaft", schrieb Jorge Semprun 1980 in "Was für ein schöner Sonntag", seiner autobiographischen Auseinandersetzung mit Buchenwald. Anläßlich des deutschen Historikerstreits 1986 hielt er der deutschen Linken - in Abwandlung des berühmten Horkheimer-Satzes "wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen" - entgegen: "Wer vom Stalinismus nicht reden will, der sollte vom Faschismus schweigen." Semprun attackierte damit einen weitreichenden Konsens der Linken: nämlich mit dem beschwörenden Rekurs auf die Einmaligkeit von Auschwitz jeglichen Versuch zu unterbinden, Nationalsozialismus und Stalinismus, rechten und linken Totalitarismus zu vergleichen. 

Der Historiker Ernst Nolte entfachte den damaligen Streit mit seiner These, Hitlers Rassenmord sei eine Folge des Stalinschen Klassenmords gewesen, d.h. die "linken" Verbrechen seien den "rechten" ursächlich vorausgegangen. Nolte konnte sich mit dieser Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen zu Recht nicht durchsetzen. Ebensowenig ließen sich jedoch die Sieger des Historikerstreits von Sempruns Einwurf aus der Ruhe bringen. Bis heute ist die Ausblendung beziehungsweise Verharmlosung der Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden, identitätsstiftende Klammer im linken Diskurs. Und zwar in der Figur des Antifaschismus. Daran haben der Zusammenbruch des Kommunismus und die Öffnung der Archive, die heute den Blick in seine Abgründe ermöglichen, wenig geändert. 

Der französische Historikerstreit begann 1995 mit Francois Furets Werk "Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert". Während das Buch in Paris eine rege Debatte einleitete, ist man ihm hierzulande mit größter Skepsis, wenn nicht gar Abwehr begegnet. Der in diesem Sommer verstorbene Historiker ging in seinem Werk der erstaunlich lange anhaltenden Anziehungskraft des Kommunismus nach: "Nachdem der Faschismus als ein Produkt der kapitalistischen Herrschaft im Endstadium erklärt wurde, war der einzig wahre antifaschistische Kämpfer der antikapitalistische Revolutionär, also der militante Kommunist. Der Antifaschismus verlieh der kommunistischen Idee, strategisch gesehen und in der Vorstellung der Zeitgenossen, eine neue Legitimität." 

Das gerade in Frankreich erschienene "Schwarzbuch des Kommunismus" hatte Furet noch auf den Weg gebracht. Es zieht erstmalig Bilanz über die Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden und liefert das empirische Material für die begonnene Debatte: rund 100 Millionen Menschen wurden umgebracht. An Furets Stelle hat nun Stephane Courtois das provokative Vorwort geschrieben, in dem er den "Rassen-Genozid" Hitlers mit dem "Klassen-Genozid" Stalins vergleicht. Aber er hütet sich vor einer Gleichsetzung. 

Die Protagonisten der französischen Historikerdebatte sind keine Rechtsintellektuellen, sondern ehemalige Kommunisten, Maoisten oder Trotzkisten, die mit ihrer politischen Vergangenheit reflexiv gebrochen haben: 1956 anläßlich der sowjetischen Niederschlagung der ungarischen Revolution, 1968 nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag oder 1974 nach Erscheinen von Solschenizyns "Archipel Gulag". 

Mitte der 70er Jahre war dieser sogenannte Gulag-Schock Anlaß für die Herausbildung einer öffentlich vernehmbaren, wenn auch minoritären "front antitotalitair" in Frankreich. Gemeinsamer Bezugspunkt war nicht nur die Auseinandersetzung mit der KPF und der Bruch mit einem jakobinischen Revolutionsverständnis, das in der Sowjetunion die zeitgenössische Fortsetzung des universalen revolutionären Projektes sah, sondern ebenso das Engagement für die Bürgerbewegungen und Dissidenten in Osteuropa und der Sowjetunion. Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus war verbunden mit der Kritik der eigenen politischen Vergangenheit. Dieser Bruch war konstitutiv für den antitotalitären Blickwinkel und die aufmerksame Analyse der Entwicklungen in den realsozialistischen Ländern und später des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. 

Von deutscher Seite wurden die französischen antitotalitären Intellektuellen des Renegatentums bezichtigt oder als "Bistro-Maoisten" verunglimpft. Eine der französischen vergleichbaren Debatte angesichts des "Gulag-Schocks" hat in Deutschland nie stattgefunden. 1975 schrieb Raymond Aron: "Wenn Solschenizyn unbequem für uns ist und uns sogar empört, dann deshalb, weil er die westlichen Intellektuellen an ihrem schwächsten Punkt, bei ihren Lügen trifft: ,Wenn ihr den großen Gulag akzeptiert`, so fragt er sie, ,warum empört ihr euch dann in so tugendhafter Weise über die kleinen? Lager bleiben Lager, ganz gleich, ob sie braun oder rot sind.` Seit über fünfzig Jahren weigern sich die Intellektuellen des Westens, diese Frage zu hören. Sie haben ein für alle Mal entschieden, daß es die ,gute` und die ,böse` Seite gibt, wobei die Konzentrationslager der einen durch die Heiligkeit der Sache verklärt werden, während die auf der anderen Seite eben Konzentrationslager sind." 

Einige deutsche Reaktionen auf den jüngsten französischen Historikerstreit scheinen diesem Wiederholungszwang zu folgen. Stephane Courtois wird wie vor ihm Francois Furet in die Nähe von Ernst Nolte gezerrt. Beharrlich verwechselt man den historischen Vergleich zweier totalitärer Systeme - der notwendig ist, um ihre jeweilige Spezifität und Einmaligkeit herauszudestillieren - mit deren Gleichsetzung. Für eine auf die Singularität nationalsozialistischer Verbrechen mühsam aufgebaute negative deutsche Identität hat das "absolut Böse" nur einen ausschließlichen Ort: Auschwitz. Eine Identität, die ihre eigene Brüchigkeit ahnt und deshalb diese um so vehementer verteidigt. 

Erst wenn der Antifaschismus nicht mehr als Legitimationsfigur das Schweigen über die Verbrechen des Kommunismus perpetuiert, kann sich der Blick auf beide Totalitarismen öffnen. Und dies hätte gerade der politische Diskurs in Deutschland, das beide totalitäre Erfahrungen des 20. Jahrhunderts durchlaufen hat, bitter nötig. Denn in Teilen der deutschen Linken mangelt es bis heute an einem generalisierten antitotalitären Impuls, der auch den Umgang mit der zweiten deutschen Diktatur von Denkverboten befreien könnte. 

Ulrike Ackermann


 

Hans-Hagen Bremer: Späte Nachholstunde zu einem Jahrhundertthema
aus: Frankfurter Rundschau 22.11.1997.

Im Nachbarland Frankreich tobt derzeit ein heftiger Historikerstreit um das "Schwarzbuch des Kommunismus"


Mit einem roten Papierstreifen um den Einband hat der Verlag Robert Laffont das Buch in die Schaufenster der Buchhandlungen legen lassen. Doch statt des sonst üblichen werbewirksamen Hinweises auf einen der Literaturpreise der Saison springt von der Banderole eine für eine wissenschaftliche Veröffentlichung etwas marktschreierisch anmutende Schlagzeile ins Auge: "85 Millionen Opfer".

Auch ohne diese den Sensationshunger ansprechende Publizität wäre das von Stéphane Courtois, Forschungsdirektor beim staatlichen Wissenschaftszentrum CNRS, unter Mitarbeit von Nicolas Werth, Jean-Louis Panné, Andrzej Paczkowski, Karel Bartosek und Jean-Louis Margolin herausgegebene Sammelwerk Schwarzbuch des Kommunismus - Verbrechen, Terror, Unterdrückung vermutlich zum Renner des Pariser Bücherherbstes geworden. Denn schon bevor es Anfang November herauskam, hatte es wegen eines Streits von zwei der Autoren mit dem Herausgeber Aufsehen erregt. Nicolas Werth und Jean-Louis Margolin hatten sich gegen die von Stéphane Courtois im Einleitungskapitel aufgstellte These von der "Ähnlichkeit" (similitude) des "Klassengenozids" der Kommunisten mit dem "Rassengenozid" des Nationalsozialismus gewandt. Es hagelte Beschwerden. Manuskripte wurden zurückgehalten, Rechtsanwälte eingeschaltet. Schließlich erschien das Buch mit einer leicht veränderten Einleitung.

"Der Tod eines ukrainischen Kulakenkindes, das das stalinistische Regime gezielt der Hungersnot auslieferte, wiegt genauso schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom Naziregime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel", lautet einer der Kernsätze des Herausgebers. Zehn Jahre nach dem Streit deutscher Historiker, den Ernst Nolte mit der Leugnung der Singularität des industriellen Massenmords an den europäischen Juden auslöste, ist damit in Frankreich die Debatte über die geschichtliche Einordnung des nationalsozialistischen und des kommunistischen Totalitarismus neu entbrannt.

Mit dem Vergleich, erklärt Courtois, wolle er "die Einzigartigkeit von Auschwitz" nicht in Frage stellen. Trotz dieser verbalen Distanzierung von Nolte nähert sich Courtois dann jedoch indirekt dessen Kernthese an, indem er feststellt, mit ihren Methoden der Massengewaltausübung hätten Lenin und Stalin die Methoden der Nazis oft vorweggenommen. "Über einzelne Verbrechen, punktuelle, situationsbedingte Massaker hinaus machten die kommunistischen Diktaturen zur Festigung ihrer Herrschaft das Massenverbrechen regelrecht zum Regierungssystem", schreibt der frühere Maoist und spätere Schüler der Kommunismusforscherin Annie Kriegel.

Mittlerweile ist die erste Auflage bereits vergriffen, und das 846 Seiten starke Buch, von Bernard Fixot, dem Leiter des Verlages Robert Laffont bereits als "Bibel" angepriesen, ist weiterhin in Leserbriefspalten der Zeitungen, TV-Talk-Shows und politischen Debatten Thema Nummer eins. Selbst in der Nationalversammlung war es Anlaß für eine Anfrage der konservativen Opposition an die sozialistische Regierung von Premier Lionel Jospin.

Der Zweck, den die Opposition verfolgte, war durchsichtig. Unter Berufung auf die von den Autoren des Schwarzbuchs aufgestellte "schreckliche Bilanz" des Kommunismus wollte sie mit der Forderung, "die Verantwortung derer festzustellen, die diese Verbrechen jemals unterstützt haben" einen Keil in Jospins Regierungsbündnis mit den Kommunisten treiben. Entsprechend verärgert reagierte der auf dieses Manöver völlig unvorbereitete Regierungschef mit einer alleinigen Zuweisung der Schuld für kommunistische Verbrechen an den Stalinismus und gab für die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) eine Ehrenerklärung ab. Sie habe sich erst spät vom Stalinismus distanziert, aber sie habe es getan: "Sie gehört meiner Regierung an, darauf bin ich stolz." Ein Teil der Opposition verließ darauf unter Protest den Saal.

Der parlamentarische Eklat war nichts gegen die Empörung, mit der konservative Publizisten den Premierminister zur Korrektur seines Geschichtsbildes aufforderten. Es werde solange keine seriöse Analyse des Kommunismus geben, wie die Linke nicht zugebe, daß dessen Verbrechen nicht die Folge zufälliger Umstände und Ereignisse seien, meint Jean-François Revel, Mitglied der Académie française. Nur weil die Geschichte ihnen verwehrt habe, an die Regierung zu kommen, sei sie davor bewahrt worden, selbst Verbrechen zu begehen, schreibt François Dufay in der Zeitschrift Le Point.

Die Polemik enthält einen wahren Kern. Denn auch wenn Frankreichs KP inzwischen von der "Diktatur des Proletariats" und dem "demokratischen Zentralismus" abgerückt ist und kürzlich sogar den langjährigen Generalsekretär Georges Marchais erleichtert zu Grabe trug, so ist ihre Mutation zu einer demokratischen Partei noch nicht abgeschlossen. Noch auf dem 29. Kongreß im Dezember 1996 erklärten mehrere vor dem ideologischen Mief resignierende Erneuerer den Austritt. Der Appell von Parteichef Robert Hue zur Rehabilitierung der in den 50er und 60er Jahren ausgeschlossenen Abweichler verhallte folgenlos. Die Verbrechen des Kommunismus bezeichnete Hue als ein "menschliches Drama". Doch er nannte es "grotesk", daraus eine "makabre Buchhaltung" aufzustellen.

Genau das tut nun Courtois. Es gehe nicht darum, "eine Art doppelte Buchführung des Horrors" oder eine "Hierarchie der Grausamkeiten" aufzustellen, schreibt er. Dann aber rechnet er doch die von den Autoren des Buchs teilweise nur auf Grund von Schätzungen ermittelten Zahlen der Opfer des Kommunismus zusammen und kommt auf rund hundert Millionen Tote - immerhin 15 Millionen mehr als die vom Verlag auf dem Einbandstreifen plakatierten 85 Millionen -, die er dann den 25 Millionen Opfern des Nationalsozialismus - warum nur 25 Millionen, waren es nicht viel mehr? - gegenüberstellt. Über die Gründe für einen solchen Umgang mit dem in dem Buch erarbeiteten Material gibt es nur Spekulationen. Seine Kritiker vermuten politische Motive: Der Eifer des Renegaten habe den Wissenschaftler blind gemacht.

 

 



 
Die Debatte um Nationalität und Immigration:

Anonyme: Le droit du sol en trois dates
aus: Le Monde 14.11.1997

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1945 : l'ordonnance du 19 octobre annule les mesures restrictives prises dans l'immédiat avant-guerre et sous Vichy et consacre l'équilibre entre droit du sol et droit du sang, qui était en vigueur depuis un siècle avant la défaite de 1940 et ses conséquences. La loi de 1851 avait introduit le double droit du sol, toujours en vigueur aujourd'hui, qui rend français à la naissance tout enfant né en France de parents étrangers qui y sont eux-mêmes nés. Clé de l'intégration "à la française", tous les enfants d'immigrés sont ainsi nécessairement français à la deuxième génération. La loi de 1889 institue de plein droit l'acquisition de la nationalité à l'âge de la majorité pour tous les enfants d'étrangers nés en France ; elle a aussi permis aux parents étrangers d'obtenir la nationalité pour leurs enfants mineurs nés en France.

1973 : la loi du 9 janvier fait de certaines condamnations pénales un empêchement à l'acquisition de la nationalité par déclaration. Surtout, elle adapte l'ordonnance de 1945 au contexte de la décolonisation. Ainsi, en vertu du double droit du sol, les enfants d'Algériens nés en France après le 1er janvier 1963 sont français de naissance puisque leurs parents sont eux-mêmes nés sur un sol - l'Algérie - alors considéré comme français.

1993 : la loi Méhaignerie introduit l'exigence d'une manifestation de volonté entre seize et vingt et un ans pour l'acquisition de la nationalité par les enfants nés en France de parents étrangers. Elle supprime la possibilité pour les parents d'obtenir la nationalité pour leurs enfants mineurs nés en France et restreint l'application du double droit du sol.


Aufruf der Künstler und Intellektuellen: Sans Papiers- régularisez!
aus: Le Monde 3.10.1997.
 
Sans-papiers: régularisez! 
par 1 300 artistes et intellectuels 

A u lendemain des élections de juin 1997, le nouveau gouvernement a annoncé la régularisation sous conditions d’un nombre important de sans-papiers: des dizaines de milliers d’immigrés en situation irrégulière sont donc allés se déclarer à leur préfecture - condition indispensable à leur régularisation.  

Selon les sources officielles, plus de 90 000 demandes ont été recensées, pour moins de 1 200 régularisations.  
Notre inquiétude est à l’image de la disproportion de ces chiffres: immense.  
Car ce que les chiffres racontent, c’est qu’ici rien ne va.  
Ni les critères de sélection, ni leur application. Comment justifier qu’un célibataire soit moins digne de vivre ici avec nous qu’une personne mariée?  
Comment accepter que l’interprétation des textes soit laissée à l’arbitraire de l’administration?  
Que vont devenir enfin tous les sans-papiers qui ne seront pas régularisés - ceux qui, demain, auront tout perdu puisqu’ils sont désormais fichés avant d’être potentiellement expulsables?  
Parce que nous ne voulons pas être les complices de ce marché de dupes, parce qu’il nous semble de la plus grande gravité que les espoirs déçus s’accumulent en France aujourd’hui, nous demandons au gouvernement qu’il réponde à cette situation, non par un règlement comptable, mais par un geste politique: nous demandons la régularisation de tous les sans-papiers qui en ont fait la demande.  
En attendant qu’une nouvelle législation, rompant radicalement avec les lois d’hier (Pasqua/Debré) et celle qu’on nous annonce aujourd’hui (projet Chevènement), enraye définitivement la machine à fabriquer des sans-papiers!  

(suit la liste des noms) 


 
 
Christina von Braun: Der nervöse Volkskörpers  
aus: TAZ-Magazin Nr. 5383 vom 15.11.1997, 
Seite 10-11. 

In den Geschlechterverhältnissen spiegelt sich die nationale Identitätsfindung wider. Warum hält Deutschland immer noch am "Blutrecht" fest? 

Historisch gesehen, ist der Zeitabschnitt, in dem sich die Selbstbestimmung von Frauen in den Industrieländern durchsetzte, ungewöhnlich kurz. [...] Normalerweise vollziehen sich Mentalitätsveränderungen erheblich langsamer als staatliche oder außenpolitische Entwicklungen. Um so bemerkenswerter ist die Tatsache, daß sich innerhalb von weniger als 100 Jahren ein Wandel vollzogen hat, der das Wahlrecht für Frauen, die Selbstbestimmung in Wirtschafts- und Unternehmensfragen sowie die Zulassung von Frauen zu höherer Bildung und zu akademischen Berufen bzw. zu Staatsämtern wie dem der Richterin oder der Politikerin mit sich brachte; daß Frauen als Naturwissenschaftlerinnen, als Schriftstellerinnen, Philosophinnen in der Öffentlichkeit auf Akzeptanz stoßen. 

Für die Tiefe der Veränderung, die sich in der Geschlechterordnung vollzogen hat, sind die 100 oder 150 Jahre erstaunlich kurz. Noch um die Jahrhundertwende tritt in den Debatten, die die angesehensten Wissenschaftler Deutschlands über die Frage führten, ob Frauen zu einem wissenschaftlichen Studium befähigt seien, eine Argumentation zutage, die uns heute fremd erscheint, in ihrer Zeit aber sehr einflußreich war. Die Debatten wurden ausgelöst durch die Tatsache, daß die Universitäten fast aller anderen Länder Europas und der USA in den siebziger oder achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Frauen ihre Tore geöffnet hatten. In Deutschland hingegen, wo Frauen bis zur Reichsgründung in einigen Lehrveranstaltungen zumindest als Gasthörerinnen geduldet wurden, waren die Universitäten nach 1871 hermetisch abgeriegelt worden. Die Argumente dafür sind es wert, näher betrachtet zu werden. 

Die Gegner des Frauenstudiums beriefen sich auf angebliche "Naturgesetze", die die Befürworter des Frauenstudiums in besonderen Ausnahmefällen zu umgehen bereit waren. Zu denen gehörte etwa Max Planck. Er schrieb, daß, "wenn eine Frau, was nicht häufig, aber doch bisweilen vorkommt, für die Aufgaben der theoretischen Physik besondere Begabung besitzt und den Trieb in sich fühlt, ihr Talent zur Entfaltung zu bringen", er ihr "den probeweisen und stets widerruflichen Zutritt zu meinen Vorlesungen und Übungen gestatten" werde. Allerdings halte er es für verfehlt, "Frauen zum Studium heranzuziehen". Denn "Amazonen sind auch auf geistigem Gebiete naturwidrig". [...] 

Schärfer formulierten es die grundsätzlichen Gegner des Frauenstudiums. Einige von ihnen führten sogar erbliche Schäden an, die sich durch die wissenschaftliche Tätigkeit von Frauen ergeben könnten. "Ich denke dabei", so schreibt ein Mediziner, "an die hereditäre Übertragung von der unter den studierenden Mädchen ohne Zweifel erheblich zunehmenden Kurzsichtigkeit und der nervösen Disposition." Im Zentrum der Argumente stand nicht etwa der Kopf, sondern der Unterleib der Frauen - in allen Disziplinen. [...] 

Der große liberale Mediziner Rudolf von Virchow sprach sich gegen die Gleichberechtigung aus, denn "alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz der Eierstöcke". Der Nationalökonom Lorenz von Stein vertrat die Ansicht, daß "die Frau, die den ganzen Tag hindurch am Pulte, am Richtertisch, auf der Tribüne stehen soll, (...) sehr ehrenwert und nützlich sein (kann), aber sie ist keine Frau mehr, sie kann nicht Mutter sein". Ähnlich der Historiker Heinrich von Treitschke: "Durch die Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne", schrieb er, "ergibt sich von selbst die Auflösung aller häuslichen Liebe und Zucht, und die Ehe verwandelt sich in ein Konkubinat." 

Der Rechtshistoriker Otto Gierke sah im Falle eines Frauenstudiums sogar den Untergang des preußischen Staates voraus: "Weibliche Rechtsanwälte und Notare? Oder weibliche Richter? Oder weibliche Staatsanwälte? Oder weibliche Verwaltungsbeamte? Mit jedem Schritt vorwärts beträte man hier die abschüssige Bahn, auf der es keinen Halt mehr gibt, bis die Austilgung der Unterschiede der Geschlechter im öffentlichen Recht erreicht ist. (...) Unsere Zeit ist ernst. Das deutsche Volk hat anderes zu thun, als gewagte Versuche mit Frauenstudium anzustellen." 

Daneben gab es wenige Wissenschaftler, die sich bedingungslos für ein Frauenstudium aussprachen. Interessanterweise ging es auch bei ihnen um die biologische Beschaffenheit der Frau. Ihre Argumente lassen sich in der Überlegung zusammenfassen, die der evangelische Theologe Hermann von Soden anstellte: "Ist das, was wir alle als Hauptaufgabe der Frau ansehen, so wenig tief in ihrer Natur begründet, da sie durch wissenschaftliches Studium und öffentliche Berufsthätigkeit den Sinn dafür verlieren könnte -, so wäre es nur doppelt eine Gewalttätigkeit, wollte man sie auf die Aufgabe beschränken." 

Sowohl die Aussagen der Wissenschaftler, die sich gegen, als auch die derer, die sich für ein Frauenstudium aussprachen, sind aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens sind diese Aussagen nur 100 Jahre alt; zweitens richtet sich in beiden Fällen das Interesse auf die Gesetze der Natur und, seltener, auf die Gefahr einer "Atomisierung der Gesellschaft", also eine Auflösung der Ordnung, die das Leben des Gemeinschaftskörpers regelt. 

Eine solche Berufung auf angeblich unveränderliche biologische Gegebenheiten sowie auf eine Gefährdung der Gemeinschaft fand in den Debatten anderer Länder [...] nicht statt. Es ist ein deutsches Spezifikum und wirkt sich aus bis in die Geschichte der beiden Deutschlands nach 1945. So konnte man in den Debatten der sechziger Jahre um die Erwerbstätigkeit der Frau in Westdeutschland genau dieselben Argumente hören. Auch in der DDR blieben Haushalt und Kinderversorgung [...] weitgehend Aufgabe der Frau. 

Warum aber gerade in Deutschland? [...] Der Zulassung von Frauen zum Studium bzw. den Debatten um die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter waren zwei Neuerungen vorausgegangen, die andernorts zu einem entscheidenden Wandel in der Geschlechterordnung geführt hatten: Das eine war eine genauere Kenntnis der Zeugungsvorgänge und das andere ein neues Konzept des Gemeinschaftskörpers. [...] 

Das Wissen um die Vorgänge bei der Befruchtung war relativ neu. Noch bis 1657 [...] war die Zeugung ein unerklärbarer Vorgang, über den es die unterschiedlichsten Spekulationen gab. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde durch die Zell- Lehre und durch die Entdeckung des Eisprungs eine konkrete Grundlage für die Befruchtungstheorie geschaffen. Um 1875 verschuf eine verbesserte Mikroskopiertechnik Einsicht in den Vorgang der Verschmelzung von Sperma und Eikern. Dieser Erkenntnisgewinn provozierte neue Phantasien über eine [...] gesteuerte, den Zufall tilgende Regeneration. 

Die Phantasien an sich waren nicht neu. Schon Platon hatte in seinem "Staat" gefordert, daß die menschliche Fortpflanzung einer rationalen Planung der Auslese und Züchtung unterworfen werde und daß nur die "Besten" das Recht erhalten sollten, Nachkommen zu zeugen. [...] 

Waren aber solche Vorstellungen für Platon noch mehr oder weniger Gedankenspiel, so rückten sie mit dem Industriezeitalter, als man die Gesetze der Zeugung durchschaute und hoffte, sie bald im Reagenzglas nachvollziehen zu können, in greifbare Nähe. So fanden die Hoffnungen auf eine geplante und homogenisierte Reproduktion schon bald in den Theorien der Eugeniker ihren Ausdruck. 

Die Kenntnis der Zeugungsvorgänge brachte die Möglichkeit, Reproduktion und Sexualität als voneinander unabhängig zu denken. War die Sexualität bis dahin als eine notwendige "Begleiterscheinung" der Reproduktion erschienen und deshalb mit der biologischen Beschaffenheit des Individuums zwingend verbunden worden, so konnte sie nun als von den regenerativen Kräften getrennt wahrgenommen werden, als selbständiger "Trieb", der auch da sein Unwesen trieb, wo der Reproduktionstrieb kein Ziel zu verfolgen hatte - etwa bei der Homosexualität. 

An genau dieser historischen Schwelle entstehen die Sexualwissenschaften. Mit dieser Abkoppelung des Sexualtriebs von der Biologie waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß aus den biologischen Kategorien Sexualität und Geschlecht kulturelle [...] Kategorien werden konnten. Genau das geschah um die Jahrhundertwende, und die Entwicklung vollzog sich parallel zur Debatte um Frauenstudium und Gleichberechtigung, und vornehmlich in Berlin, wo die Sexualwissenschaften - mit Iwan Bloch, Magnus Hirschfeld, Albert Eulenburg - ihr Zentrum fand. 

Im Zuge dieser Entwicklung wurde aber nicht nur die Sexualität, sondern auch das Geschlecht selbst zunehmend als Produkt kultureller Zuschreibung verstanden, etwa in den Schriften des Juristen Karl Heinrich Ulrichs, der schon Mitte der 1860er Jahre die These vom "Dritten Geschlecht" verkündete. Magnus Hirschfeld sollte später den Begriff durch den der "sexuellen Zwischenstufen" ergänzen. Mit anderen Worten: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts - mitten im Kampf um Frauenstudium und Gleichberechtigung - trat neben die traditionelle biologische Definition des Geschlechts eine kulturelle oder psychologische, die besagte, daß man zwar biologisch ein Mann sein, aber wie eine Frau empfinden könne - und umgekehrt. 

Es versteht sich, daß die beiden Definitionen von "Geschlecht" [...] schwer miteinander zu vereinbaren waren; ihre Theoretiker bekämpften sich zutiefst. Das offenbarte sich nicht nur in den Auseinandersetzungen für oder gegen das Frauenstudium, sondern auch in unterschiedlichen Theorien innerhalb der Sexualwissenschaften. Am deutlichsten wurde dies im Verhältnis zur Homosexualität. Hier kreiste die Diskussion um genau dieselbe Frage wie die um das Frauenstudium: Ist das Sexualverhalten des Homosexuellen biologisch (mithin unveränderbar) oder kulturell bedingt? Sind Frauen aus biologischen (mithin unveränderbaren) Gründen aus dem Studium auszuschließen, oder handelt es sich um kulturelle und mithin transformierbare Gesetze? 

Daß diese Frage von politischer und gesellschaftlicher Brisanz war, geht auch aus der Tatsache hervor, daß zeitgleich genau dieselbe Diskussion über das Bild des "Juden" geführt wurde - eine Debatte, die ebenfalls vor allem in Deutschland und nicht minder heftig war als die um das Frauenstudium. Auch hier ging es implizit um die Frage nach dem Zugang von Juden zur Universität, zu den öffentlichen Ämtern und den akademischen Berufen. 

Zwar hatten Juden, soweit männlichen Geschlechts, seit der Reichsgründung das Recht, an deutschen Hochschulen zu studieren. Aber die Berufung auf einen Lehrstuhl war ihnen weitgehend verwehrt, wie auch viele Beispiele aus der Geschichte der Berliner Universität beweisen: etwa das von Georg Simmel, dem es nie gelang, in Berlin auf einen Lehrstuhl berufen zu werden, obgleich seine Vorlesungen zu den kulturellen Ereignissen der Hauptstadt gehörten. [...] 

In der Diskussion um den "Juden" ging es um eine ganz ähnliche Frage wie bei der um das Frauenstudium und um die Homosexualität: Ist die "jüdische Identität" biologisch oder kulturell definiert? Die rassistischen Antisemiten vertraten zwei unterschiedliche Positionen - mit demselben Ergebnis. Für die einen war es die unveränderbare "Rasse", und für die anderen war es der unveränderbare "jüdische Geist", die den "Juden" definierten. Dementsprechend umschrieben die Antisemiten den "jüdischen Geist" - seit der Dreyfus-Affäre meist mit dem Schimpfwort "Intellektualität" bedacht - und das jüdische Blut mit genau denselben Vokabeln: "fremd", "giftig", "zersetzend" zum Beispiel. Ein bekannter antisemitischer Kalendervers lautete: "Hinfort mit diesem Wort, dem bösen,/ Mit seinem jüdisch-grellen Schein!/ Nie kann ein Mann von deutschem Wesen,/ Ein Intellektueller sein." 

Die Bilder einer "jüdischen Gefahr" spielten vor allem im Kontext der Assimilation eine wichtige Rolle. Nicht die orthodoxen, sondern die assimilierten Juden - diese "Fremden", denen man ihre Fremdheit nicht mehr ansehen konnte, die Kaftan, Bart und Schläfenlocken abgelegt und sich mit dem "Wirtsvolk" vermischt hatten - galten als Gefährdung der Gemeinschaft. Und die Darstellung ihrer Gefährlichkeit war von Sexualbildern durchsetzt. Das heißt, die Klischees vom "unsichtbaren Juden" vermischten sich mit den Feindbildern eines neuen Frauentypus, bei dem sich die traditionelle biologische Definition von Weiblichkeit zu verflüchtigen schien. 

So verkündete der "Rassenforscher" Otto Hauser, auf dessen Geschichte des Judentums sich später die Nationalsozialisten berufen sollten, in seinem Aufsatz Juden und Deutsche: "Bei keinem Volk findet nun man soviel Weibmänner und Mannweiber wie bei den Juden. Deshalb drängen sich so viel Jüdinnen zu männlichen Berufen, studieren alles mögliche, von der Rechtswissenschaft, Heilkunde bis zur Theologie [...]. Betrachtet man diese jüdischen Frauen auf die sekundären Geschlechtsmerkmale hin, so kann man bei gut zwei Dritteln von ihnen deren Verwischung feststellen. Der deutliche Bartanflug ist überaus häufig, die Brüste dagegen unausgebildet, das Haar bleibt kurz." Im deutschen Kulturkreis hat sich ein modernes Verständnis von Gemeinschaft nie durchsetzen können, anders als in Ländern wie Frankreich oder den USA. Emanzipierte Frauen galten im Deutschen Reich als staatsgefährdend - wie auch Juden und Homosexuelle. Die Teilung Deutschlands hat eine Modernisierung der Gesellschaft blockiert. In der BRD wie in der DDR profilierten sich ökonomisch verschiedene Systeme. Die Verhältnisse der Geschlechter blieben allerdings gleich traditionell. 

Das heißt, das Bild einer Aufhebung der Sexualdifferenz überlagerte sich mit dem Bild der deutsch-jüdischen Assimilation: Die Verwischung der Grenzen zwischen Männern und Frauen wurde gleichgesetzt mit der zwischen Juden und Deutschen, Assimilation mit dem Geschlechtsakt verglichen. So benutzt Werner Sombart, Wirtschaftshistoriker, [...] das Begriffsbild der "Paarung" zur Beschreibung der "Vermischung" von Deutschen und Juden: "Ich wünsche es im Interesse unserer deutschen Volksseele, daß sie von der Umklammerung durch den jüdischen Geist befreit würde [...]. Ich wünschte, daß die ,Verjudung` so breiter Gebiete unseres öffentlichen und geistigen Lebens ein Ende nähme: zum Heil der deutschen Kultur, aber ebensosehr auch der jüdischen. Denn ganz gewiß leidet diese ebensosehr unter der unnatürlichen Paarung." 

Kurz: Verhandelt wurde um die Jahrhundertwende, ob der Körper - der geschlechtliche Körper wie der Körper des "Juden" - biologisch zu definieren oder ein kulturelles Konstrukt ist. Viele Frauen und viele Juden setzten sich für eine "kulturelle" Definition des Körpers ein. Für die einen bedeutete sie Zugang zu höherer Bildung und Berufen; für die anderen Befreiung von den Klischees, die die [...] Antisemiten an den Körper des Juden zu haften versuchten. 

Das hatte u.a. zur Folge, daß Frauen wie Henriette Schrader-Breymann und Helene Lange den Kampf um Frauenbildung mit dem Schlagwort der "geistigen Mütterlichkeit" führten. Diese sei "nicht allein an die eigene Kinderstube, nicht allein an die physische Mütterlichkeit" gebunden, sondern werde überall wirksam, wo "die Frau auch außerhalb des Hauses zum mütterlichen Wirken berufen" sei. Die Mädchenbildung solle dieser "psychischen Mütterlichkeit", die zur Hebung der nationalen Sittlichkeit beitrage, Rechnung tragen. [...] Solche Bilder einer weniger biologischen als "geistigen Weiblichkeit" trugen einerseits dazu bei, die Weichen für die sozialpädagogischen Ausbildungs- und Berufszweige zu stellen, die bis heute die Bildungs- und Berufswege von Frauen in Deutschland prägen; andererseits entsprachen sie aber auch dem neuen Trend, Psyche und biologisches Geschlecht als voneinander getrennt zu sehen. 

Warum aber hatte die Frage einer Definition des "Körpers" um die Jahrhundertwende in Deutschland eine derartig politische Brisanz angenommen? Eine Antwort darauf gibt ein Blick auf den Wandel der Vorstellungen vom Gemeinschaftskörper, der sich mit der Industrialisierung vollzog. Dieser Wandel erklärt auch, warum die Gegner des Frauenstudiums und der Assimilation der Juden im großen und ganzen identisch waren und neben den "Naturgesetzen" auch die Gefahr einer Auflösung der Gemeinschaft beschworen - "Sandhaufen", "Atomisierung der Gesellschaft" waren die Schlagworte dafür. 

Was ist ein Gemeinschaftskörper? Alle Gesellschaften [...] versuchen, durch die Analogie zum Individualkörper der eigenen Gemeinschaft den Anschein von Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit zu verleihen. Auf diesem Bedürfnis beruhen viele kulturelle Phänomene wie die Reinheitsgesetze, die in jeder Gesellschaft anders definiert werden, oder all die Gesetze, die das Sexualverhalten und das Geschlechterverhältnis regeln. Dabei spielen Bilder des Blutes eine zentrale Rolle. 

Von diesen Bildern leitet sich zumeist ein gemeinsamer Ursprung, die Herkunft von einer historischen oder mythischen Urgestalt, ab. Durch das Bild von der Gemeinschaft des Blutes soll etabliert werden, daß die vielen individuellen Körper in Wirklichkeit einen einzigen Körper bilden, weil dasselbe Blut durch alle Adern fließt. Eine solche Vorstellung nahm mit den rassistischen Vorstellungen vom "Volkskörper" und von der "arischen Rasse" säkulare Züge an - und sie fand auch in den Vorstellungen von der "Natur" des jüdischen oder des weiblichen Körpers seinen Ausdruck. 

Daneben war aber ein neues Konzept vom Gemeinschaftskörper entstanden, das auf völlig anderen Voraussetzungen beruhte. Ich möchte es mit dem Terminus des "Medialen Kollektivleibs" umschreiben. Während die Ideologie des "Volkskörpers" das gemeinsame Blut, die gemeinsame Rasse in den Vordergrund rückten, stand beim "medialen Kollektivleib" die psychische oder (um einen modernen Ausdruck zu benutzen) die vernetzte Gemeinschaft im Mittelpunkt. Diese Gemeinschaft verband nicht ein gemeinsames Blut, sondern ein gemeinsames Nervensystem, das aus dem dichten Netz von Beschleunigungs- und Verkehrstechniken, von Telekommunikationsmitteln und von Währungen bestand. Eines, das die Regionen, Städte und Individuen zusammenschloß und "synchronisierte". 

Die Vorstellung eines durch die Medien erstellten psychischen, kulturellen (oder virtuellen) Sozialkörpers schuf einerseits neue Vorstellungen von der Zusammengehörigkeit und Organisation der "Gemeinschaft", die teilweise im Widerspruch zur traditionellen Vorstellung vom "Gemeinschaftskörper" stand, entsprach andererseits aber der neuen kulturellen Definition des Körpers. Besonders deutlich läßt sich die neue Vorstellung vom Gemeinschaftskörper am Beispiel der Pazifisten darstellen, die [...] im Deutschen Reich und in der Donaumonarchie erheblich weniger stark vertreten waren als etwa in England oder Frankreich. In Deutschland und Österreich hielt man doch eher am traditionellen Bild des physiologisch definierten "Volkskörpers" fest. [...] 

Die Pazifisten hingegen griffen auf das Bild des "Nervensystems" zurück, um ihr Ideal der Gemeinschaft zu kennzeichnen. Es war ein Vorgriff auf das, was heute unter dem Schlagwort der "globalen Vernetzung" geführt wird. Noch wenige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah Alfred H. Fried, einer der ersten Friedensnobelpreisträger, in diesem "Nervensystem" eine Garantie für den Weltfrieden. 

Er schrieb 1905: "Eisenbahn und Dampfschiffe durchqueren die Welt und führen die Kultur in die entlegensten Gefilde, wie die Adern das Blut in die Teile des Körpers, und Telegraph und Telephon haben sich zum Nervensystem der zivilisierten Welt entwickelt." [...] Deutlich wird, daß hier zwei Konzepte vom Gemeinschaftskörper miteinander konkurrieren: Dem einen Konzept liegt die Vorstellung vom "gemeinsamen Blut" zugrunde, das andere beruhte auf dem Bild einer Gesellschaft als "Nervensystem". Dieses zweite Konzept war der Industrialisierung, dem Kapitalismus und der Moderne mit ihren technischen Neuerungen und Formen der Beschleunigung geschuldet und spielte in allen Ländern - außer in Deutschland - eine wichtige Rolle. 

Fand das neue Konzept des Gemeinschaftskörpers im Bild des "Nervensystems" seinen Ausdruck, so richtete sich seine Diffamierung gegen die "moderne Nervosität", die "nervöse Gesellschaft" bzw. den "nervösen Typus" - ein Begriff, der um die Jahrhundertwende im deutschsprachigen Raum hohen Kurs hatte: Mit diesem Begriff wurden Erscheinungen umschrieben, die dem Bereich des psychisch Krankhaften oder Krankmachenden zugeschrieben wurden. Dazu gehörte das Leben in der Großstadt mit seiner Rastlosigkeit und seinen rasch wechselnden Rhythmen, mit den undurchschaubaren Beziehungsgeflechten, die das Stadtleben zwischen den Menschen wob (immer wieder dargestellt am Beispiel von Berlin - mehr als dem von London oder Paris), mit seinen "schrägen" Typen [...]. Der Begriff der "Nervosität" wurde auch auf die Frauen übertragen, die für das Wahlstimmrecht oder um das Recht kämpften, an den Universitäten zugelassen zu werden. "Die Nervosität unserer Zeit", so befürchtete ein Theologe, werde durch das Frauenstudium zunehmen. 

Ein Mediziner wiederum hielt die Frauen zwar für fleißiger als Männer: "Gerade dieser Fleiß aber, welcher die Veranlagung zum Teil ersetzen soll, wird es dann wieder sein, welcher den zu Nervenkrankheiten besonders disponierten Frauen schädlich wird [...]." Das heißt, Frauen, die die Aneignung von Wissen oder eine Berufstätigkeit der eigenen Wahl anstrebten, galten nicht nur als "unweiblich" und "widernatürlich"; sie wurden auch betrachtet als das Produkt der Moderne. [...] So suchten vor allem in Deutschland viele in den "Naturgesetzen" Schutz vor den Innovationen der Moderne. 

Der Begriff des "nervösen Typus" fand Anwendung auf Menschen, deren Grundmuster darin bestand, daß sich ihre Erscheinung und ihr Verhalten jeder eindeutigen Zuordnung widersetzten, darunter den tradierten biologischen Mustern von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit". Deshalb verband sich das Bild körperlicher Undefinierbarkeit [...] mit dem Bild des assimilierten "Juden", dem die gleiche "Undefinierbarkeit" unterstellt wurde. Hysterie, Neurasthenie, Nervosität wurden nicht nur als typisch weibliche, sondern auch als typisch jüdische Krankheiten angesehen. 

Interessanterweise erweist sich mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert das, was Ende des 19. Jahrhunderts noch mit dem Begriff der "Nervosität" diffamiert wurde, als Mainstreamdiskurs über Geschlechtlichkeit und über den Körper. Zumindest in der amerikanischen und französischen Theorie. Heute gibt es einen breiten Konsens darüber, daß das Geschlecht als "kulturelles Konstrukt" zu verstehen sei. Der Körper selbst erscheint nurmehr als eine Hülle [...], als Spielzeug geistiger Triebe. Solche Vorstellungen bahnten sich nicht nur mit den ersten medialen Techniken der Telekommunikationsmittel an; sie sind auch den technischen Sehgeräten eingeschrieben, die die Sehgewohnheiten und die Wahrnehmung des Selbst und des Anderen verändert haben. 

Die Reproduktionstechniken des Industriezeitalters führten zu einer Vereinheitlichung des Blicks, und sie reflektieren darin die Phantasien der Homogenisierung, die mit der Herrschaft über die menschliche Reproduktion einhergingen. Diese Phantasien erzählen von dem Verschwinden der biologischen Differenz. So ist für den Cyberspacetheoretiker Gullichsen Walser die Reise in die Körperlosigkeit nicht nur technisch beherrschbar, sondern auch ein Vergnügen: "Vielleicht fühlen Sie sich zunächst in einem Körper wie Ihrem eigenen am wohlsten, doch wenn Sie immer größere Anteile Ihres Lebens und Ihrer Geschäfte im Cyberspace abwickeln, wird Ihre eingeschliffene Vorstellung von einem einzigen und unveränderlichen Körper einem weit flexibleren Körperbegriff weichen - Sie werden Ihren Körper als verzichtbar und, im großen und ganzen, einengend empfinden [...]." 

Es hat sich also mit der Industrialisierung ein Wandel vollzogen, bei dem ein neues Konzept vom "Körper" entstanden ist - und dieses bezieht sich sowohl auf den individuellen Körper, der sich einer biologischen Festlegung entzieht, als auch auf den Gemeinschaftskörper, in den das Individuum eingebunden ist. Auch der Gemeinschaftskörper wird weniger physiologisch als kulturell und medial bedingt definiert - eben als "Nervensystem". 

Deutschland jedoch - zumindest in der Haltung, die historisch wirkungsmächtig geworden ist - hat diesen Wandel weniger stark vollzogen als andere Länder. Das Gemeinschaftskonzept des Kaiserreichs basierte auf der Ideologie einer physiologischen Definition der Nation. Die Versuche der Weimarer Republik, eine neue kulturelle Definition zu etablieren, konnten sich nicht behaupten gegen die Gewalt, mit der sich unter den Nationalsozialisten die Idee eines "Volkskörpers" wieder durchsetzte. Diese Erbschaft haben beide Deutschlands angetreten. Das zeigt sich auch am Festhalten am Jus sanguinis ("Blutsrecht") für die Bestimmung der Nationalität. 

Es zeigt sich aber auch am Festhalten an traditionellen Geschlechterrollen, die in beiden Deutschlands eine einmalige Disparität geschaffen haben: auf der einen Seite ein moderner Staat, eine moderne Gesellschaft, die mit allen technischen Neuerungen des späten 20. Jahrhunderts ausgerüstet ist; auf der anderen Seite eine tiefsitzende Ideologie der "Mütterlichkeit", die es im Westen wie im Osten Frauen schwer machte, Kinder zu haben und eine berufliche Karriere anzustreben - ein Phänomen, dem ich in Frankreich so nie begegnet bin. Mag sein, daß die niedrigen Geburtenraten in beiden Deutschlands gerade mit dem Festhalten an solchen traditionellen Geschlechtervorstellungen zu tun hatten. 

Insgesamt kann man sagen, daß die Modernisierung der Gemeinschaft durch die Teilung selbst eine Behinderung erfuhr. Denn wäre der eine von beiden Staaten dem modernen Konzept der Gemeinschaft gefolgt, wäre der Kontakt zum anderen Deutschland immer schwieriger geworden. Unbewußt spürte man, daß man damit die Möglichkeit der Wiedervereinigung [...] aufs Spiel gesetzt hätte. Diese Befürchtung [...] erklärt vielleicht, warum die Auseinanderentwicklungen der beiden Deutschlands einerseits tiefgreifend sind [...], die Differenzen auf dem Gebiet der Geschlechterordnung aber nicht so groß sind. Deutschlands Teilung verhinderte die öffentliche Diskussion um die deutsche Vergangenheit; ebenso behinderte sie auch die sozialen Transformationsprozesse, die zu einem neuen, den technischen Veränderungen entsprechenden Konzept der Gemeinschaft führen. [...] 

Jetzt könnte der Blick frei werden für Transformationsprozesse, die sich auf die Zukunft beziehen und die sowohl einen Wandel der Vorstellung vom Gemeinschaftskörper als auch der Geschlechterrollen in dieser Gemeinschaft beinhalten. Diese Veränderungen werden kommen oder sind schon dabei, sich zu vollziehen, unabhängig davon, was die Parteien entscheiden. Aber je genauer man sie kennt und darauf vorbereitet ist - und in dieser Hinsicht ist der Blick in die Vergangenheit immer sehr hilfreich -, desto geringer wird die Gewalt sein, mit der sie sich vollziehen. 

Leicht gekürzte Fassung eines Vortrags bei der Bundestagsanhörung zur Situation der Frau im geteilten und vereinigten Deutschland. Christina von Braun, 53 Jahre, Professorin für Kulturwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität, veröffentlichte 1996 Der ewige Judenhaß (Burg-Verlag, Bonn). Neuaufgelegt wurde: Nicht ich - Logik, Lügen, Libido (Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main, 48 DM).


Philippe Bernard: Immigration, nationalité, intégration
aus: Le Monde 14.11.1997.

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ANALYSE Le "rétablissement du droit du sol", formule aussi sibylline que bancale

COMME ON LE DIT des trains, un projet de loi peut en cacher un autre. Ainsi en est-il des textes préparés par le gouvernement sur l'immigration et la nationalité. Le premier, défendu par Jean-Pierre Chevènement, contesté par des associations et des personnalités pétitionnaires, sera, comme il se doit, combattu par la droite, même s'il est loin de détruire toutes les chausse-trapes de la loi Pasqua de 1993.

L'effervescence suscitée par ce texte avait jusqu'à présent laissé dans l'ombre l'autre projet inscrit à l'ordre du jour du Parlement, celui d'Elisabeth Guigou sur la nationalité. L'affichage des états d'âme de députés socialistes sur un texte censé ravir leurs électeurs vient de révéler au grand jour ce que nombre d'observateurs entrevoient depuis des mois, mais que le gouvernement a sans doute sous-estimé : le caractère potentiellement explosif du dossier de la nationalité, probablement aussi détonant que celui de la réforme des lois sur l'immigration.

EFFARANTE COMPLEXITÉ

Les raisons en sont simples : moins techniques que les débats sur les cartes de séjour ou les procédures d'expulsion, les discussions sur la nationalité soulèvent la question sensible de l'"identité française", touchant l'opinion au plus profond d'elle-même. Ressentie comme simple par le commun des mortels, cette question atteint, dans sa traduction juridique, une effarante complexité, et ce double niveau de compréhension favorise les doubles discours et la démagogie.

Dans ce registre, l'extrême droite a une longueur d'avance : la dénonciation par Jean-Marie Le Pen des "Français sans le savoir" a amené la droite à ouvrir cette boîte de Pandore dès 1986. La loi Méhaignerie de 1993, qui a repris l'essentiel des conclusions de la commission Marceau Long, traduit la mise en oeuvre, de façon heureusement édulcorée, de cette rhétorique du soupçon envers les étrangers.

Lionel Jospin, lui, ne s'est pas avancé dans ce domaine aussi précisément que dans celui de l'immigration. Il n'a jamais promis l'"abrogation" de la loi Méhaignerie (que tout le monde assimile d'ailleurs aux lois Pasqua), se contentant d'annoncer le "rétablissement du droit du sol", formule aussi sibylline que bancale puisque, aussi bien, le droit du sol n'a pas été supprimé en 1993. La réforme Méhaignerie en a seulement réduit la portée en introduisant, notamment, l'exigence d'une manifestation de volonté pour les jeunes nés en France de parents étrangers et en supprimant la possibilité pour les parents étrangers d'obtenir la nationalité pour leurs enfants mineurs nés en France.

L'ambiguïté de cette promesse se traduit aujourd'hui par la division des députés socialistes, qui donnent au "retour" au droit du sol un sens variable selon leur propre sensibilité, parfois elle-même trempée dans leur propre histoire familiale. Faut-il, se demandent-ils, permettre aux immigrés de donner la nationalité française à leurs enfants dès la naissance ? Le souci de favoriser l'intégration conduit à répondre positivement. La mesure était d'ailleurs restée en vigueur entre 1889 et 1993 sans dommage apparent pour l'identité nationale ! La commission Long et le législateur de 1993 ont répondu négativement en invoquant la conception moderne de l'autonomie de la volonté de l'enfant, qui conduit à réserver à ce dernier - et non à ses parents - le choix de la nationalité.

L'argument est aujourd'hui repris par le gouvernement pour justifier le maintien du statu quo sur ce point, mais la véritable justification de cette position restrictive est à chercher ailleurs : tous les gouvernements craignent que des parents sans papiers n'utilisent la nationalité de leurs enfants pour régulariser leur propre situation. Le pouvoir actuel n'échappe pas à ce soupçon, d'autant que la loi Debré de 1997 a prévu d'attribuer une carte de séjour à tous les parents d'enfants français. Une large partie de l'opinion, y compris à gauche, est sensible à cet argument.

CHOIX DE LA RIGUEUR

Le gouvernement, plutôt que de tenter de le réfuter en rappelant que la quasi-totalité de ces enfants deviendront tôt ou tard français, préfère ne pas courir le risque d'être taxé de complaisance à l'égard des étrangers. Au choix du coeur, il préfère le choix politique de la rigueur, qui conduit à rétablir tout de même l'essentiel : l'acquisition de la nationalité de plein droit et automatique, à dix-huit ans, sans exclusion possible.

En optant ainsi, au nom de l'équilibre et du consensus républicain, M. Jospin confirme la fermeté avec laquelle il entend traiter les dossiers de la nationalité et de l'immigration. La modération serait alors le prix à payer pour que cessent à la fois la manipulation du thème des étrangers à des fins politiciennes et l'incessant mouvement de balancier des lois qui les concernent. Si la prochaine alternance "oubliait" les immigrés, M. Jospin aurait gagné, mais il est peu probable que l'opposition l'aide à tenir ce pari.


Philippe Bernard: Ce que le projet Guigou propose de modifier
aus: Le Monde 26.11.1997.

TREIZE, SEIZE, DIX-HUIT : tels devraient être les nouveaux seuils d'âge pour l'acquisition de la nationalité française par les jeunes nés en France de parents étrangers. Si le projet Guigou est voté en incluant les amendements déjà acceptés par le gouvernement, ce qui ne fait guère de doute, ce rythme à trois temps devrait se décliner ainsi : dès treize ans, le jeune pourra devenir français avec l'accord de ses parents ; à seize ans, il pourra demander à le devenir de façon autonome ; à dix-huit ans, il sera français de plein droit à condition d'avoir résidé en France pendant au moins cinq ans depuis l'âge de onze ans. S'il ne souhaite pas devenir français, il pourra décliner la nationalité dans les six mois précédant sa majorité et dans l'année suivant cet anniversaire.

Le projet gouvernemental procède d'une critique du fonctionnement du système en vigueur depuis la loi Méhaignerie de 1993, texte issu des travaux de la commission présidée par Marceau Long. Le débat sur la nationalité, longtemps restreint aux juristes spécialisés, avait surgi dans le champ politique au milieu des années 80, sous la pression des critiques de Jean-Marie Le Pen accusant la loi d'alors de fabriquer des "Français sans le savoir". Après avoir en 1986 préparé un projet radical, vivement contesté, Jacques Chirac, alors premier ministre, avait confié le dossier à une commission de "sages". Modérées, les conclusions de cette commission avaient été assez bien accueillies à gauche, et avaient débouché sur la réforme de 1993, moyennant quelques retouches restrictives.

La possibilité pour les parents d'obtenir la nationalité pour leurs enfants mineurs nés en France, en vigueur depuis 1889, a été alors supprimée. Les jeunes ne peuvent depuis 1993 acquérir la nationalité qu'en manifestant leur volonté de devenir français, entre seize et vingt et un ans.

"SANS L'AVOIR VOULU"

Si cette procédure fonctionne mieux que ses détracteurs ne l'avaient craint, elle laisse sur le bord du chemin les jeunes les plus démunis, exclus des réseaux d'information ou désocialisés et qui, laissant passer la date limite des vingt et un ans, restent alors "étrangers sans l'avoir voulu".

Le texte présenté par Mme Guigou ne revient que partiellement à la législation antérieure, puisqu'il ne rétablit pas le droit des parents d'obtenir la nationalité pour leurs enfants mineurs : aucun enfant d'étranger (à l'exception des ressortissants des anciennes colonies) ne pourrait devenir français avant l'âge de seize ans (comme actuellement) - ou treize ans si l'amendement socialiste est adopté.

Outre cette réforme centrale, le projet Guigou et les amendements adoptés par les députés modifieraient les points suivants :

Double droit du sol : depuis 1851, tout enfant né en France de parents étrangers eux-mêmes nés en France est français à sa naissance sans formalité. Entre 1973 et 1993, cette disposition s'est appliquée aux enfants nés de parents eux-mêmes nés dans les anciennes colonies, avant l'indépendance, qu'il s'agisse de l'Algérie, considérée comme département français jusqu'en 1962, ou de territoires ayant d'autres statuts.

La loi de 1993 a supprimé totalement cette dernière disposition et l'a limitée pour les Algériens. Alors que les députés socialistes souhaitent rétablir totalement le "double droit du sol", le gouvernement veut maintenir la distinction entre les Algériens et les autres étrangers. Dans son esprit, le droit à la nationalité peut être rétabli intégralement pour les premiers mais sa suppression doit être confirmée pour les seconds.

Mariage : alors que le projet de loi prévoyait initialement de maintenir à deux ans le délai pour devenir français après mariage avec un ressortissant français, les députés de la majorité ont souhaité le limiter à une année. Aucune condition de ce type n'était exigée avant une loi de 1984 qui a instauré un délai de six mois, porté à deux ans en 1993.



 
 
 
Daniele Lochak:Von guten Ausländern und bösen Illegalen  
aus: Le Monde diplomatique Nr. 5382 vom 14.11.1997, Seite 20-21.  

FAST fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß man in Frankreich wie in den meisten europäischen Ländern beschlossen hat, die Einwanderung von Arbeitskräften auszusetzen. Alsbald wurde die "Kontrolle der Einwanderungsströme" zum vorrangigen Ziel der Behörden - mit dem Ergebnis, daß man weit über das ursprünglich proklamierte Ziel hinausging. 

Zunächst verstärkte man die Grenzkontrollen und formulierte eine Vielzahl von Bedingungen für den Zutritt zum Staatsgebiet, womit das Recht auf Freizügigkeit sowie das Asylrecht beschnitten wurden. Um den Ausländerzustrom von vornherein zu stoppen, wurden die Visaformalitäten wieder eingeführt und die Konsulate zu äußerster Zurückhaltung angewiesen. Zudem perfektionierte man die Mittel, um alle Ausländer zur Ausreise zu zwingen, die unrechtmäßig einreisen oder im Lande sind: Man erleichterte die Personenkontrollen, machte den unrechtmäßigen Aufenthalt zum Straftatbestand, der mit immer härteren Sanktionen belegt wurde, man verlieh der Verwaltung das Recht, eigenständig eine Rückführung zur Grenze zu verfügen und diese auch durchzuführen, und man verlängerte die gesetzlich zulässige Haftdauer. 

Parallel dazu versuchte man, sämtliche Löcher zu stopfen, durch die noch ein "Zustrom" möglich war; so wurden die Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für Familienmitglieder, Studenten, Asylsuchende, Touristen, aber auch für Ehegatten von Franzosen erschwert, weil man diese Gruppen pauschal als Scheinstudenten, Scheinflüchtlinge, Scheintouristen und Gelegenheitsehegatten verdächtigt. Der Wahn, die Grenzen dicht machen zu müssen, ging einher mit dem Wahn, Betrug und Illegalität aufzudecken. 

Es ist legitim, gegen derartige Delinquenten vorzugehen, und wenn es ihnen trotz des gesamten Repressionsarsenals gelingt, sich in Frankreich aufzuhalten, dann erscheint es genauso legitim, ihnen das Recht auf Arbeit sowie das Recht auf Sozialversicherung abzuerkennen. 

Lauter "Selbstverständlichkeiten", die auf einer in allen offiziellen Reden eingehämmerten Unterscheidung basieren: auf der Unterscheidung zwischen "guten" Ausländern, die rechtmäßig im Lande leben und integriert werden sollten, und "bösen" Illegalen, die man um so dringender vertreiben müsse, als sie die Integration der ersteren behinderten. 

Dennoch handelt es sich um eine trügerische Unterscheidung, denn viele dieser "Illegalen" haben familiäre oder persönliche Bindungen an Frankreich, mithin allen Grund, im Lande zu bleiben, wurden aber durch die Härte der Gesetze oder durch unrechtmäßiges Vorgehen vieler Behörden in die Illegalität gezwungen. 

Dies alles verletzt nicht nur die Grundrechte der Ausländer, sondern betrifft die gesamte Bevölkerung, weil die derzeitige Tendenz letztlich das Fundament der Demokratie untergräbt. Doch weder der Weil-Bericht1 noch die an ihm orientierten Regierungspläne wollen offenbar diese Entwicklung stoppen.2 

Die erste Freiheit, die durch Schließung der Grenzen beeinträchtigt wird, ist die Freizügigkeit. Die Liste der Voraussetzungen, die man erfüllen muß, um französisches Staatsgebiet betreten zu dürfen, ist unendlich lang: Paß und Visum, Nachweis über hinreichende Mittel zum Lebensunterhalt, Rückführungsgarantien und natürlich die berühmte Unterbringungsbescheinigung für diejenigen, die zu einem Privatbesuch nach Frankreich kommen. Dabei liegt das Problem oft nicht so sehr in der Zahl der Bedingungen als vielmehr in der Willkür bei der Ausstellung der erforderlichen Dokumente. Etwa bei den mißbräuchlichen Praktiken der Stadtverwaltungen, die diese Unterbringungsbescheinigungen mit einem Sichtvermerk versehen müssen, aber auch bei der Art und Weise, in der die Visa ausgestellt oder eben nicht ausgestellt werden. Diese Formalität, die im Herbst 1986 unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus wiedereingeführt wurde, ist zu einer Hauptwaffe im Rahmen der "Kontrolle des Einwandererzustroms" geworden, die Frankreich bei allen europäischen Partnern durchgesetzt hat, so daß ganz Europa zu einer Festung geworden ist. 

Wer weiß schon, daß jeder Ausländer, der in einem der Unterzeichnerstaaten des Schengener Abkommens als persona non grata betrachtet wird, automatisch kein Visum für Frankreich bekommt? Und daß man im Schengener Informationssystem, der Kartei der Unerwünschten, aus tausend Gründen registriert sein kann, die nichts mit der öffentlichen Ordnung zu tun haben, ohne irgend etwas davon zu erfahren? Man kann insgesamt die Visapolitik mit der goldenen Regel kennzeichnen, die für die Konsulate gilt: Je mehr Gründe jemand hat, nach Frankreich reisen zu wollen, desto weniger ratsam ist es, ihm ein Visum auszustellen. 

Damit sind vor allem jene ausgeschlossen, die aus einem armen Land kommen, weil sie das höchste "Wanderungsrisiko" darstellen - zumal dann, wenn sie in Frankreich Familie haben. Zwischen 1987 und 1994 ging die Zahl der ausgestellten Visa von 5,6 auf 2,3 Millionen zurück. Die Algerier sind die ersten Opfer dieser Politik, von der man nicht so recht weiß, ob man sie "restriktiv" oder "kriminell" nennen soll, sank doch die Anzahl der ausgestellten Visa von 571000 auf 103000. Die Folgen sind bekannt. Die Konsulate gehen immer häufiger dazu über, auch bestens begründete Visaanträge abzulehnen, weil sie ihre Weigerung von Rechts wegen nicht begründen müssen. Anstatt diese eines Rechtsstaats unwürdige juristische Anomalie zu überdenken, segnet der Weil-Bericht sie auch noch ab. 

Hat der Ausländer endlich sein Visum, besitzt er dennoch keine Garantie, das französische Staatsgebiet betreten zu können, denn die Grenzpolizeistellen dürfen nach eigenem Ermessen befinden, daß die vorgelegten Dokumente nicht stichhaltig sind oder den wahren Aufenthaltszweck verheimlichen. 

Diese Hindernisse gegen eine Einreise nach Frankreich dürften eigentlich nicht für Asylsuchende gelten. Aber dem ist nicht so. Das Mißtrauen gegen Asylsuchende, in denen man Scheinflüchtlinge vermutet, äußert sich seit Mitte der achtziger Jahre in der massiven Ablehnung von Anträgen durch das Französische Amt für den Schutz von Flüchtlingen und Staatenlosen (Office francais pour la protection des refugies et apatrides - Ofpra). Mit der Zahl der "abgewiesenen Asylsuchenden" erhöhte sich entsprechend die Zahl der ohne Papiere im Land lebenden Ausländer. 

Gegen diese Entwicklung hat Frankreich wie seine europäischen Partner eine Politik eingeschlagen, die den Zustrom von Flüchtlingen schon im Vorfeld auffangen soll: Sanktionen für die Schlepper, Rückführungsabkommen mit den angrenzenden Ländern, über die Asylsuchende eingereist sind; die Möglichkeit für den Innenminister, vorläufig festgehaltenen Asylbewerbern den Zutritt zum Staatsgebiet zu verwehren, wenn ihr Antrag "offenkundig unbegründet" erscheint; die Verpflichtung, eine Aufenthaltserlaubnis zu besitzen, um einen Antrag beim Ofpra einreichen zu können, was es den Einwohnermeldeämtern ermöglicht, die Anträge zu sieben. 

Vor diesem Hintergrund dürfte die scheinbar großzügige Absicht der Regierung, entsprechend den Empfehlungen des Weil-Berichts nunmehr auch "Freiheitskämpfern" den Flüchtlingsstatus zuzuerkennen, nur höchst begrenzte Auswirkungen haben, zumal die meisten derjenigen, die diesen Schutz brauchen, nach wie vor keinen besseren Zugang zum französischen Staatsgebiet haben als zuvor. 

Bezeichnend für diese ganze Entwicklung ist auch, wie es um das Recht des einzelnen bestellt ist, nicht ohne Urteil festgehalten zu werden. 1980 wurde mit der "loi Bonnet" der Begriff der "Einbehaltung" für abzuschiebende Ausländer eingeführt. Die Linke, die damals in der Opposition war, hatte heftig dagegen protestiert, behielt den Begriff aber bei, als sie wieder an die Macht kam, und meinte lediglich, daß die Einbehaltung eine außergewöhnliche Maßnahme sein müsse. Seitdem ist sie zur Regel geworden, wobei ihre Dauer schrittweise immer weiter ausgedehnt wurde: von zuerst sieben auf zehn und dann zwölf Tage. In den Wartebereichen, wo alle Personen verbleiben, denen man den Zutritt zum Staatsgebiet verwehren will, dürfen Ausländer sogar bis zu zwanzig Tage festgehalten werden. 

Die Liste der Rechte, die im Namen des Kampfes gegen die illegale Einwanderung den Ausländern brutal verweigert oder aber Schritt für Schritt abgebaut werden, ließe sich fortsetzen. Man verweigert ihnen das Recht auf Fürsorge und ein Mindesteinkommen, wenn sie illegal im Lande sind, auch wenn sie zuvor gearbeitet und Beiträge gezahlt haben; man verweigert das Recht auf Unterricht, wenn die Eltern nicht mehr wagen, ihre Kinder in der Schule anzumelden, weil sie fürchten, von den Schulämtern verraten zu werden; man schafft das Recht auf Eheschließung und familiäres Zusammenleben ab, wenn auch der illegale künftige Ehepartner von der Gemeindeverwaltung verraten zu werden droht, wenn die Hindernisse, die einer Familienzusammenführung im Wege stehen, sich häufen oder wenn eine Ausweisungsmaßnahme die Ehegatten jeden Moment auseinanderreißen oder ein Kind von seinen Eltern trennen kann. Aber vielleicht wiegt sogar noch schwerer, daß unter dem Vorwand der Bekämpfung der illegalen Einwanderung ein Repressions- und Polizeisystem errichtet wird, an das man sich schnell gewöhnt und dessen Folgen letztlich alle, auch die eigenen Staatsbürger, zu tragen haben. Einer der spektakulärsten Aspekte dieser polizeiorientierten Entwicklung ist die ständig erweiterte Kompetenz der Polizeiorgane, Personenkontrollen durchzuführen, wobei oft nicht einmal die wenigen gesetzlich verankerten Einschränkungen respektiert werden. 

Rechtsstaat gegen Erfassungsstaat

DABEI beeinträchtigen die massiven Personenkontrollen zum Aufspüren von außerhalb der Legalität lebenden Ausländern nicht nur die Freizügigkeit, sie fördern auch den Rassismus, weil sie das Mißtrauen gegenüber der gesamten ausländischen Bevölkerung verstärken. 

Darüber hinaus gibt es Haussuchungen und polizeiliche Ermittlungen, die ebenfalls eine massive Einmischung in das Privatleben der Menschen darstellen und in dem Maße zunehmen, wie die Rechtsvorschriften dazu einladen: Sie dienen dazu, außerhalb der Legalität lebende Ausländer aufzufinden, Familienmitglieder zu enttarnen, die sich illegal auf französischem Staatsgebiet aufhalten, und einen Einblick in das Leben der einzelnen ethnischen Gemeinschaft zu gewinnen. 

Schließlich ist auch auf die zunehmende Verfeinerung der datentechnischen Erfassung hinzuweisen: Dateien zur Erfassung der Ausländer, Dateien zur Rückführung an die Grenze, Schengener Informationssystem, Fingerabdruckkartei - bis hin zu einer Kartei aller Bürger, die Ausländer beherbergen, die uns 1997 freilich gerade noch erspart geblieben ist. 

Sind nicht am Ende die Grundlagen der Demokratie und des Rechtsstaates bedroht, wenn die Einwohnermeldeämter bedenkenlos die Verfahrensgarantien eines Gesetzes verletzen, deren Einhaltung ohnehin kaum zu erzwingen ist? Wenn Richter, die darauf beharren, ihre verfassungsmäßige Rolle als Garanten der Freiheit des einzelnen auszuüben, beschuldigt werden, das Funktionieren der Verwaltung zu behindern, daß heißt nach Auffassung der öffentlichen Stellen nur noch Erfüllungsgehilfen bei der Bekämpfung der illegalen Einwanderung sein sollen und nicht mehr Garanten der Einhaltung des Rechts und der rechtsstaatlichen Formen? Wenn man sieht, wie sich Denunziantentum breitmacht und die Beamten in den Einwohnermeldeämtern, Postämtern, sozialen Diensten, Schulen und sogar Krankenhäusern aufgefordert werden, außerhalb der Legalität lebende Ausländer zu denunzieren? Wenn schließlich jeder, der einen von ihnen aufnimmt oder unterstützt, unter Strafandrohung steht, weil er den unrechtmäßigen Aufenthalt eines Ausländers in Frankreich begünstigt hat? 

Zwar hat die Linke in den zehn Jahren ihrer Regierungszeit gewiß aus aufrichtigen Beweggründen versucht, den Einwandererzustrom human und unter Wahrung der Menschenrechte in den Griff zu bekommen; doch die Erfahrung hat gezeigt: Wenn man erst einmal in der repressiven Denkweise gefangen ist, gewinnt sie sehr rasch die Oberhand über den Wunsch, die Rechte des Individuums zu wahren. Die am Weil-Bericht orientierten Schritte der Jospin-Regierung stellen nicht die den geltenden Rechtsvorschriften zugrundeliegende Gesamtphilosophie in Frage, sondern beschränken sich darauf, ein Körnchen Humanität ins Getriebe zu streuen und zu hoffen, daß die schockierendsten oder - nüchterner formuliert - den Interessen Frankreichs abträglichsten Fälle damit künftig verhindert werden. 

Eine solche Politik, die nicht nur die Demokratie unterminiert, sondern sich zudem als uneffektiv und kontraproduktiv erwiesen hat, läßt sich nicht einmal unter Berufung auf den Realismus rechtfertigen. Denn diese Politik läuft den eigenen Zielen zuwider, wenn sie Menschen von einem Besuch in ihrer Heimat abschreckt, die wissen, daß sie alle Rechte verlieren, wenn sie Frankreich verlassen; oder wenn sie die Integration Zehntausender, die sie außerhalb der Legalität hält (obwohl man weiß, daß sie bleiben werden und ein Teil von ihnen schließlich anerkannt wird), ebenso behindert wie die Integration all derer, die im Namen dieser Politik täglich lästige, erniedrigende Kontrollen erdulden müssen.3 

Es gilt, aus Erfahrung zu lernen, die Argumentation aufzugeben, wonach die Grenzen unbedingt abgeriegelt werden müssen, es gilt den Grundsatz der Freizügigkeit und mit ihm das Recht zu gewährleisten, sich im Land seiner Wahl niederzulassen. Natürlich muß man auch bereit sein, über die Grenzen zu diskutieren, die der Ausübung dieser Freiheit zu setzen sind, wenn sich zeigt, daß sie Risiken oder Gefahren mit sich bringt. Doch sind auf jeden Fall die Prinzipien einzuhalten, an denen sich die Menschenrechte orientieren. 

dt. Sabine Scheidemann 

1 Patrick Weil, "Pour une politique de l'immigration juste et efficace", Paris (La Documentation francaise) 1997. 

2 "Lettre ouverte a M. Jospin sur la politique des flux migratoires", verfaßt von sechs Organisationen, darunter auch der Gisti, 10. Juli 1997 (Internet: http:// www.bok.net/pajol/ouv/). 

3 Didier Fusain, Alain Morice, Catherine Quiminal (Hrsg.), "Les lois de l'inhospitalite. Les politiques de l'immigration a lepreuve des sans-papiers", Paris (La Decouverte) 1997. 

* Professorin an der Universität Paris-X (Nanterre), Vorsitzende der Gruppe für Information und Unterstützung der Einwanderer (Gisti).



 
 
 

 
 

Dorothea Hahn: Hauptziel: Kampf gegen die Migration 
aus: TAZ, 4.12.1997. 

Paris (taz) - Hunderttausende demonstrierten in Frankreich für die Abschaffung der nach zwei ehemaligen Innenministern benannten Pasqua- und Debre-Gesetze. Das war Anfang des Jahres. "Erste, zweite, dritte Generation - wir sind alle Immigranten" skandierten sie, als sie im Februar in Paris zu Justizpalast und Polizeipräsidium auf der Ile de la Cite zogen, wo unerwünschte Ausländer heute ihre letzten Stunden vor der Abschiebung verbringen. In der Menschenmenge waren die Anhänger von Grünen, Kommunisten und Sozialisten unübersehbar. 

Die drei Parteien sind inzwischen an die Regierung gekommen. Eine überraschende Parlamentsauflösung und ein Wahlkampf im Mai, in dem sie unter anderem ein "grundsätzlich neues Gesetz für die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern in Frankreich" versprachen, hat das möglich gemacht. Jetzt liegt das Gesetz vor. Es trägt den Namen des neuen Innenministers Jean- Pierre Chevenement und wird von heute an in der Nationalversammlung behandelt. 

Die Auseinandersetzung über das "loi Chevenement" läßt sich tumultartig an. In der zu erwartenden Gemengelage wird der Regierungsentwurf sowohl von rechter als auch von linker Seite kritisiert werden. Letzteres möglicherweise sogar schärfer. Von den beiden konservativen Parteien RPR und UDF sind bislang schon 1.300 Veränderungsvorschläge eingegangen. Die sechs grünen Abgeordneten (eine Ministerin) wollen alle dagegen stimmen. In der 36köpfigen kommunistischen Fraktion (drei Minister) will die Mehrheit dagegen stimmen. Und selbst aus den Reihen der Sozialisten haben moralische Schwergewichte wie der früherere Justizminister Robert Badinter ihre Stimmenthaltung angekündigt. Der einzige Abgeordnete der rechtsextremen Front National, der Bürgermeister von Toulon, Jean-Marie le Chevalier, ist selbstverständlich ebenfalls gegen den Entwurf. 

Der Grund für den Aufruhr der Linken ist die Halbherzigkeit des Gesetzes. Statt die Vorlagen seiner beiden Vorgänger Pasqua und Debre abzuschaffen, wie Anfang des Jahres gefordert und im Wahlkampf versprochen, will Chevenement das Gesetz lediglich reformieren, zum 25. Mal. Einreise und Aufenthalt von Ausländern stehen weiterhin dem Ermessen von Bürgermeistern und Präfekten anheim. Die Ablehnung von Visa- Bescheiden muß auch in Zukunft nicht begründet werden. Eine Aufenthaltsberechtigung im Zuge von Familienzusammenführung muß jedes Jahr erneut verlängert werden. Und die Abschiebehaft soll sogar noch verlängert werden. Eine Verbesserung für die Betroffenen stellt lediglich die Einführung des "territorialen Asyls" dar. Diese befristete Aufenhaltsberechtigung ist vor allem für die vielen algerischen Flüchtlinge gedacht, die nicht von der Regierung, sondern von oppositionellen Gruppen verfolgt werden. 

Das Hauptziel des Chevenement-Gesetzes ist die Bekämpfung der Immigration, sein wesentliches Prinzip das Mißtrauen gegen Einwanderer. Genau diese repressive, schikanierende und kriminalisierende Logik der Ausländergesetzgebung hatte die "moralische Linke" - zu der zu Jahresanfang auch noch ein großer Teil der Sozialisten gehörte - sowie zahlreiche Künstler, Intellektuelle und Menschenrechtsorganisationen angeprangert. 

Dorothea Hahn



Der Prozeß Papon:

Jean-Baptiste de Montvalon: Pour Lionel Jospin, la " France " n'est pas coupable de Vichy
aus: Le Monde, 23.10.1997.

Se saisissant de la polémique lancée par Philippe Séguin, le premier ministre assure que le procès de Maurice Papon est celui d'un homme et non d'une époque. Il prend la défense du gaullisme contre son dénigrement par l'extrême droite

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ACCUSÉ par le président du RPR, Philippe Séguin, de diriger un gouvernement qui observerait, à l'occasion du procès Papon, " une attitude ambiguë " face à la " dégradation inquiétante de l'esprit public ", Lionel Jospin se devait de répondre. Manifestement soucieux d'éteindre une polémique susceptible d'embraser l'ensemble du monde politique, le premier ministre a choisi d'intervenir directement, mardi 21 octobre, devant la représentation nationale.

Opportunément interrogé sur le sujet, au terme de la séance de questions au gouvernement, par Michel Crépeau, président du groupe RCV - qui avait initialement prévu d'intervenir sur le problème de la continuité territoriale entre le continent et la Corse -, M. Jospin s'est employé à répondre à ce qu'il a appelé " la philippique de M. Séguin ". Le premier ministre, qui a indiqué d'emblée ne pas avoir " toujours compris à qui [le président du RPR] pensait et qui il visait ", n'a pas jugé utile de relever explicitement l'affirmation de M. Séguin, selon lequel " certains à gauche " entretiendraient de façon délibérée une " atmosphère délétère " autour du procès Papon, afin de " gonfler la force électorale du Front national ".

" LA NÉGATION DE LA FRANCE "

Sur ce point, le chef du gouvernement a mis sur le compte de " l'étrange biographie " de Maurice Papon le télescopage " devant l'opinion " de la période de Vichy et de la guerre d'Algérie, et affirmé que le " procès du gaullisme " évoqué par M. Séguin avait été " obstinément intenté " par le président du Front national, mais " nullement formulé " par les responsables de la majorité ni par le gouvernement. M. Jospin a ensuite récolté les premiers applaudissements de l'opposition en soulignant que le ministre de l'intérieur, Jean-Pierre Chevènement, avait " cloué le bec à M. Le Pen " - qui avait affirmé qu' " il était plus facile de résister à Londres que de résister en France " -, en répondant au président du FN qu'il était " en tout cas plus facile de collaborer à Paris que de résister à Londres ".

Réfutant ainsi toute responsabilité du gouvernement, M. Jospin a adressé, dans le même temps, de nombreux signes d'apaisement en direction de ceux qui, à l'instar du président du RPR, se montraient soucieux de ne pas voir la France en tant que telle figurer au banc des accusés. En premier lieu, le premier ministre a affirmé que " le procès d'un homme " ne devait pas être " celui d'une époque ", même s'il convenait, en dehors des prétoires, d' " éclairer les enjeux de cette période ". M. Jospin s'est ensuite taillé un franc succès, sur tous les bancs de l'Hémicycle, en affirmant qu '" il n'y a pas de culpabilité de la France parce que (...) Vichy était la négation de la France et en tout cas la négation de la République ". Au cours de sa démonstration, le premier ministre a pris soin de se démarquer subtilement des propos tenus par Jacques Chirac le 16 juillet 1995, à l'occasion du cinquante-troisième anniversaire de la rafle du Vel' d'Hiv'. Alors que M. Chirac avait affirmé que " la France, ce jour-là, accomplissait l'irréparable ", M. Jospin a indiqué : " Je n'ai pas exactement employé les mêmes termes il y a quelques mois [à l'occasion du cinquante-cinquième anniversaire de la rafle] et n'ai pas personnellement utilisé le mot " France ". "

Grâce notamment à cette discrète mise au point sémantique, M. Jospin, qui a eu l'habileté de ne pas pointer explicitement les profondes divergences apparues au sein du RPR sur ce sujet, a rallié à lui nombre de suffrages. Dans la soirée, le premier intéressé, Philippe Séguin, a pris " acte de ce que le premier ministre a rappelé que le procès Papon devait être celui d'un homme et non celui d'une époque ; que le gaullisme ne pouvait être mis en cause ; que Vichy n'était ni la France ni la République ". " J'avais souhaité avec force qu'il soit mis fin à une dérive et des amalgames inacceptables. Je sais gré au premier ministre de s'y être employé ", a conclu le président du RPR, qui avait tenu, quelques heures plus tôt, à appeler M. Jospin pour lui dire qu'il était " navré " de ne pas avoir été présent dans l'Hémicycle lors de son intervention. M. Séguin a également pu se féliciter, mardi, de voir le groupe socialiste du Sénat renoncer à inscrire à l'ordre du jour une proposition de loi visant à permettre une incarcération de M. Papon - un texte que le député des Vosges avait par avance qualifié de " loi d'exception ".

" LECTURE JUSTE DE L'HISTOIRE "

" C'est exactement ce que j'ai dit ", se félicitait quant à lui le président du groupe RPR, Jean-Louis Debré, en commentant dans les couloirs l'intervention de M. Jospin. Ne retenant des propos tenus par M. Chirac en juillet 1995 que l'expression d'un nécessaire " devoir de compassion, de solidarité envers nos compatriotes, notamment nos compatriotes juifs, victimes des agissements de cette époque ", l'ancien ministre de l'intérieur avait affirmé, en fin de matinée : " Je crois que Vichy ne fut qu'un état de fait (...) ; pour autant il n'a jamais été dit que cet état de fait était la France ou incarnait la République. "

La rhétorique de M. Jospin a également emporté l'adhésion de ceux qui, au Parti socialiste, sont restés fidèles à l'analyse gaulliste de François Mitterrand sur la période de Vichy. Ainsi, l'ancien ministre de la culture Jack Lang a-t-il estimé, mardi, que M. Jospin avait fait " une lecture juste de l'Histoire " en exprimant " ce que François Mitterrand avait exprimé lui-même voici deux ou trois ans ". " Lionel Jospin a permis de dissoudre de fausses idées, de fausses oppositions, et d'indiquer un chemin qui peut rallier beaucoup de gens ", a souligné le maire de Blois.

Pour autant, le premier ministre a tracé quelques limites à ce " chemin " consensuel. Exprimant la crainte que des mises en garde comme celle de M. Séguin " interdisent de mener ensemble (...) l'effort de recherche sur notre passé " qu'il estime nécessaire, le chef du gouvernement s'en est pris - sans le nommer - au président de Force démocrate, François Bayrou, qui avait affirmé, le matin-même, que " lorsqu'un pays s'est déchiré, la première règle à appliquer est la réconciliation ". " Je ne suis pas sûr que les Français aient besoin d'être réconciliés parce qu'ils ne sont pas ennemis les uns des autres ", a indiqué M. Jospin, en ajoutant que " les Français, en revanche, ont besoin de se rassembler " : non " au prix de l'oubli ", mais " sur des valeurs qui sont celles de la démocratie, de la République ". Ainsi brillamment sorti de ce délicat exercice de style, le premier ministre a reçu une ovation des députés de la majorité.


Nicolas Weill: Mouvement éditorial autour de l’affaire Maurice Papon
aus: Le Monde, 3.10.1997.

Passage en revue des publications qui paraissent à l’occasion du procès de l’ancien secrétaire général de préfecture

L e procès de Maurice Papon, qui s’ouvre le 8 octobre aux assises de Bordeaux, sera un événement judiciaire en même temps qu’un acte de mémoire hors norme, à en juger par le nombre d’ouvrage inédits ou réédités qui l’accompagne depuis quelques semaines. Quinze années de procédure, un énorme dossier d’instruction (on parle de soixante mille pages de documents versés répartis en plus de vingt-six classeurs), la personnalité complexe de l’accusé dont la carrière épouse le cours de plusieurs régimes: tout cela imposait des inventaires. Ils ne manquent pas à l’appel. N’en déplaise à ceux qui estiment incompatibles recherche de la justice et recherche tout court, on constate que souvent, les grands procès historiques suscitent — ou au moins révèlent — des travaux importants, qui sans eux seraient passés inaperçus. Le procès de l’ancien secrétaire général de préfecture, puis, en 1958, préfet de police du général de Gaulle, aura d’ores et déjà porté en pleine lumière une somme d’érudition consacrée à l’administration en France de 1940 à 1944: Servir l’Etat français, rédigé par Marc Olivier Baruch, lui-même administrateur civil au ministère de la culture, à partir d’une thèse commencée en 1991 (voir notre supplément Le Procès Papon, Le Monde du 1e octobre). Un autre des effets du procès est de faire passer la question de l’occupation à Bordeaux de la sphère de l’historiographie locale aux feux de la rampe. Tandis que Perrin réédite un Bordeaux 1940-1944 de René Terisse, un autre ouvrage sur les persécutions antisémites dans la région est attendu avec impatience: Le Dernier Départ. La politique antijuive à Bordeaux ce de 1940 à 1944, de Michel Bergès, de l’université de Bordeaux. Ce dernier est l’un de ceux qui furent à l’origine de l’affaire, mais qui est désormais des plus réservé par rapport au procès, « terrain, dit il, des expressions politiques et militantes très loin de la réalité historique » (1).

De ce procès Papon, certains protagonistes se font faits à l’occasion historiens. Jean-Marc Varaut, qui est l’avocat de l’ancien ministre du budget, fournit dans le dernier chapitre de son Procès Pétain de 1995 un avant-goût de certains éléments de sa défense. Bertrand Favreau, lui, représente la Ligue des droits de l’homme. Avec son Georges Mandel paru en 1995, il campe une belle figure de républicain député de la Gironde qui constitue le contre-modèle du personnel politique de Vichy. Gérard Boulanger, qui représente les parties civiles, vient de publier, au Seuil, la seconde partie de sa biographie du prévenu — sous le titre Un intrus dans la République. Fourmillant de détails et de documents nouveaux, son livre s’efforce d’expliquer le mystère du « rachat » de Maurice Papon à la Libération. Une reconversion à la République qui a soulevé en 1944-45 quelques protestations parmi les résistants de Gironde et des Landes, et dont Gérard Boulanger montre comment elle fut obtenue à coup de certificats de complaisance, voire de faux probables. Aussi bien Maurice Papon ne fut-il homologué comme résistant dans le réseau Jade-Amicol qu’en... 1958, alors qu’il était préfet de police à Paris grâce à l’appui du colonel Arnould, dit Ollivier, blanchisseur quelque peu mythomane de résistants aux faits d’armes improbables. A l’origine du maquis de procédure qui transformera post factum un serviteur de Vichy en combattant de l’ombre, Gérard Boulanger, très informé des situations locales, voit l’effet d’un affrontement plus général qui oppose, à la Libération, une nation résistante à un gaullisme d’Etat soucieux d’ordre public avant tout. De cette guerre franco-française-là, notre fin de siècle porte encore le poids, et le procès de Maurice Papon en est une conséquence, tout autant que de Vichy.

Un Vichy qui a depuis longtemps des défenseurs inlassables. Aujourd’hui, pourtant, cette défense semble plus difficile parce que la persécution raciale et antisémite rebute aujourd’hui plus que jadis l’opinion publique. En revanche, certains tentent de plaider encore les circonstances atténuantes. Le nouveau livre d’Henri Amouroux, Pour en finir avec Vichy, qui se propose de combler pour les Français — dont on connaît « la mémoire courte »! — ce qu’il appelle « les oublis de la mémoire » ressortit à cette catégorie-là. A une « mémoire collective sélective » qui tend, selon Amouroux, à ne retenir de Vichy « que » « les rafles de juillet 1942 (sans donner aux rafles de septembre, en zone non occupée, l’importance qui doit être la leur dans la mise en cause de Vichy), le débarquement allié du 6 juin et la libération de Paris », Henri Amouroux oppose l’étendue de la défaite, les quatre-vingt-cinq mille morts du printemps 1940, les deux millions de prisonniers, les normes différentes de cet « autre monde » en quoi consistait la France des années 40. Responsable partielle de ces « oublis »: l’influence des médias, présentés assez curieusement comme la forme actuelle de la résistance des juifs, au même titre que les armées d’Israël... Dans son admirable Etrange défaite, l’historien Marc Bloch avait pourtant montré que la constatation d’un désastre n’est nullement incompatible avec la quête de responsabilité — en l’occurrence celle des militaires incapables! Henri Amouroux n’en a cure.

Son Pétain à lui, par exemple, « ne se trouverait pas directement mêlé à l’élaboration de ce statut des juifs qui porte évidemment sa signature... ». En l’affaire, n’est-ce pas la mémoire d’Henri Amouroux qui apparaît sélective? Pourquoi omettre de préciser à cette page-là la réaction du chef de l’« Etat français » lors de la discussion du statut des juifs, au conseil des ministres du 1er octobre? D’après le témoignage de Paul Baudouin, alors secrétaire d’Etat à la présidence du conseil, le maréchal Pétain fut « le plus sévère », insistant pour que les juifs soient exclus de la justice et de l’enseignement. Que les perceptions de l’époque, résistantes ou attentistes, n’aient pas accordé à un antisémitisme pourtant meurtrier l’attention qu’il méritait, Henri Amouroux le montre, à l’envi. Mais est-ce une raison pour refouler, en 1997, à nouveau Drancy aux marges de la mémoire de Vichy?

———— (1) Dans un témoignage recueilli par Jean Bruno et Frédéric de Monicault, dont L’Affaire Papon. Bordeaux 1942-1944 (Tallandier, 174 p., 99 F) paraît le 8 octobre.

* Henri Amouroux, Pour en finir avec Vichy, Robert Laffont (538 p., 149 F) (La Grande Histoire des Français sous l’Occupation, premier volume: Le Peuple du désastre, Quarante millions de pétainistes, est par ailleurs réédité en collection « Bouquins »); Gérard Boulanger, Papon, un intrus dans la République, Seuil (390 p., 138 F): Bertrand Favreau, George Mandel, Fayard (568 p., 180 F); René Terrisse, Bordeaux 1940-1944, Perrin (343 p., 140 F); Jean-Pierre Azéma et Olivier Wieviorka, Vichy 1940-1944, Perrin (271 p., 249 F); Michel Slitinsky, Procès Papon: le devoir de juistice, éditons de l’Aube (272 p., 125 F); Philippe Cohen-Grillet, Maurice Papon de la Collaboration aux assises, éditions Le Bord de l’eau (160 p., 85 F); Bernard Violet, Le Dossier Papon, Flammarion (290 p., 130 F); Michel Dobkine, Crimes et humanités, extraits des actes du procès de Nuremberg, Romillat (189 p., 55 F); Denis Peschanski, Vichy 1941-1944. Contrôle et exclusion, Complexe (210 p., 120 F); Jean-Marc Varaut, Le Procès Pétain, Perrin (535 p., 125 F).


Lucas Delattre: Le nazisme, Vichy et le procès Papon vus par un historien allemand
aus: Le Monde, 7.11.1997.

Considéré comme l’un des meilleurs spécialistes mondiaux du nazisme, Eberhard Jäckel estime dans un entretien au « Monde » que le travail de mémoire permet de retrouver une dignité: « Celle-ci est impossible à connaître quand on vit de légendes ou de mythes »

Propos recueillis par Lucas Delattre

« La solution finale s’explique par la rencontre d’un homme comme Hitler et de structures prêtes à le servir »

L’HISTORIEN Eberhard Jäckel, professeur à l’université de Stuttgart, est l’auteur de nombreux livres sur le nazisme, dont Hitler idéologue (paru en traduction française chez Gallimard en 1995). Considéré par ses pairs comme l’un des meilleurs spécialistes mondiaux de la période, Eberhard Jäckel a également travaillé sur Vichy. Son livre La France dans l’Europe de Hitler (Fayard, 1968, aujourd’hui épuisé), préfacé par Alfred Grosser, fut l’un des premiers à montrer le mépris qu’avaient les dirigeants du IIIe Reich pour le régime du maréchal Pétain. Récemment sollicité par les parties civiles pour venir prendre la parole au procès de Maurice Papon, Eberhard Jäckel a refusé, estimant que ses travaux sur Vichy étaient « trop anciens ».

« Comment le procès Papon est-il perçu outre-Rhin? Peut-il avoir une influence sur la façon dont l’Allemagne regarde son propre passé?

— Les médias allemands suivent le procès avec beaucoup d’attention. Mais je n’observe heureusement aucune expression d’autosatisfaction ou de soulagement du type: « Bien fait pour les Français! » J’espère que la France saura éviter les travers qu’on connaît en Allemagne avec ce genre d’affaires, à savoir une approche moralisatrice des choses. Quand on recherche un coupable idéal, on perd vite le sens de l’histoire. Les faits qui sont reprochés à Maurice Papon ne peuvent pas être abordés sans faire référence au fait qu’à la base de tout, il y a eu une initiative allemande — même si le régime de Vichy n’a pas été sollicité par les nazis pour mettre en place le statut des juifs.

— Peut-on comparer le procès Papon à des événements judiciaires du même ordre dans l’Allemagne d’après-guerre?

— Oui, les premiers grands procès ont eu lieu chez nous, il y a plus de trente ans. Celui des responsables d’Auschwitz et de Majdanek, à Francfort au début des années 60, a joué un rôle particulièrement important. Ces procès n’ont pas été satisfaisants sur le plan du droit, ni du point de vue des victimes. Le gain qu’on a pu en tirer était d’un autre ordre, et se plaçait sur le plan de la connaissance des faits. Ce travail de mémoire a permis de retrouver une dignité — celle-ci est impossible à connaître quand on vit de légendes ou de mythes. Je pense qu’il en va de même pour le procès Papon.

— Vous avez été l’initiateur, avec Lea Rosh, du projet de monument en mémoire des victimes de l’Holocauste à Berlin. Le chancelier Kohl, favorable à cette idée, a opposé son veto à un premier projet en juin 1995. Les nombreux débats qui ont eu lieu depuis lors en Allemagne on fait craindre que le monument ne verrait jamais le jour.

— Ce monument est conçu pour honorer la mémoire des 6 millions de juifs d’Europe exterminés par les nazis. Les débats ont eu lieu surtout entre experts. La plupart ne remettent pas en cause la construction, et d’ailleurs aucune intervention de type révisionniste n’a été déplorée lors des discussions autour de ce projet, qui est bien accepté par la population. La première pierre devra être posée en janvier 1999. Le lieu retenu pour l’édification du monument n’a pas changé: il se trouve entre la porte de Brandebourg et la Potsdamer Platz. Il était important que pour rappeler le plus grand crime de l’histoire, un monument important fût édifié, et qu’il se trouvât à proximité de l’ancienne chancellerie du Reich. Les trois partenaires de ce projet — l’Etat fédéral, le Land de Berlin et une fondation réunissant les initiateurs — doivent s’entendre de manière imminente sur le projet architectural qui sera retenu

. — Pourquoi ce monument voit-il le jour si tard?

— Nous avons déjà beaucoup de sites commémoratifs ou lieux de mémoire, à commencer par les camps de concentration d’Allemagne, mais également la villa du lac Wannsee à Berlin, où s’est tenue la conférence sur la « solution finale » en janvier 1942, ou bien l’exposition permanente « Topographie de la terreur », également à Berlin. Mais l’extermination des juifs n’a pas eu lieu en Allemagne, et les camps allemands ne permettent pas à eux seuls de commémorer en tant que tels l’extermination du tiers de la population juive mondiale par les nazis. Il fallait un monument distinct, central, si possible avec le nom des victimes.

— Comment évolue le regard de la société allemande sur la période du IIIe Reich?

— Je ne remarque aucun désintérêt chez les jeunes générations, au contraire. Les films et les livres sur la période continuent de rencontrer la curiosité et de soulever les interrogations, même s’il y a un réel déficit de connaissances en ex-RDA.

— Comment interprétez-vous, en ce sens, la polémique soulevée par une récente exposition sur les crimes de la Wehrmacht? On a eu l’impression à cette occasion que des tabous encore très forts existaient dans le débat de l’Allemagne sur son propre passé.

— Ce débat, effectivement très vif, est plus complexe qu’il n’y paraît. Il n’est guère possible de défendre aujourd’hui l’idée que la Wehrmacht était une « armée propre » —c’est une idée bien naïve. Ce qui a choqué une partie de l’opinion allemande, c’est que les auteurs de l’exposition ont voulu démontrer que la Wehrmacht était une entité criminelle quasiment autonome. Or c’est moins la Wehrmacht en tant que telle qui était criminelle que l’Etat qui lui donnait des ordres et dont elle dépendait. La décision d’envahir la Russie n’a pas été prise par les généraux de l’armé, par exemple. Donc je ne parlerai pas d’un recul de la conscience historique. Il n’y a plus de tabous en Allemagne sur cette période.

— Le débat sur la responsabilité de la population allemande dans le choix de la solution finale a été relancé l’an dernier par le livre de Daniel J. Goldhagen, Les Bourreaux volontaires de Hitler, qui a été un grand succès de librairie outre-Rhin. Goldenhagen estime que les Allemands ont développé une forme d’antisémitisme spécifique au XIXe siècle, d’emblée « exterminationniste ».

— Il s’agit d’un mauvais livre, unanimement considéré comme tel par les spécialistes de la période du monde entier. Si le livre a eu du succès en Allemagne, c’est qu’il pose le problème en termes simples, moralisateurs. Or il est faux, selon moi, de présenter la solution finale comme une affaire de motivation personnelle des Allemands. C’est avant tout la structure de l’Etat nazi qui a rendu possible l’extermination des juifs, pas la volonté du peuple allemand. Personne, avant Hitler, n’avait eu l’idée d’exterminer tous les juifs d’Europe. La solution finale s’explique par la rencontre d’un homme comme Hitler et de structures prêtes à le servir.

— Et le rôle de la population allemande dans la « solution finale »?

— Il est plus complexe que ne le laisse penser Goldhagen. D’après les sources dont nous disposons, on voit que, en 1938, la Nuit de cristal provoque un malaise dans la population. La déportation des juifs a suscité des réactions variées, pas l’enthousiasme unanime. Quant aux bourreaux ordinaires, la plupart ont agi par opportunisme, pour obtenir des avantages personnels, bien plus qu’au nom de l’idéologie antisémite. D’ailleurs ce n’est pas avant tout l’antisémitisme des Allemands qui explique l’arrivée au pouvoir de Hitler. Quand on étudie de près les discours de ce dernier, on se rend compte que l’argumentaire antisémite passe au second plan entre 1930 et 1932. A la fin du siècle dernier et au début du XXe siècle, l’antisémitisme allemand n’était pas fondamentalement différent des autres, et même moins fort qu’en Russie, en Autriche ou en France. »


Philippe Bernard: Le Proces Papon
aus: Le Monde, 17.10.1997.

Maurice Papon défend pied à pied son itinéraire de haut fonctionnaire Justifiant chacune des étapes de sa carrière, l’ancien préfet de police du général de Gaulle a déclaré que les victimes du 17 octobre 1961 n’avaient pas été tuées par les forces de l’ordre, comme l’affirment les historiens, mais par le FLN BORDEAUX de notre envoyé spécial.

Soudain, un homme. Face à ses juges. Avec ses mots, son langage, ses formules de politesse.

« Monsieur le président, madame, monsieur de la cour, monsieur le premier juré, mesdames, messieurs les jurés, je répondrai à l’invite de M. le président en vous exposant ma vie à partir de ma famille, de ma formation et de ma carrière universitaire, et des conditions dans lesquelles j’étais placé avant la déclaration de guerre de 1939. » Debout, mains jointes dans le dos, Maurice Papon déroule les neufs décennies du film de sa vie. D’emblée, la pugnacité, l’aisance de la parole, saisissant le prétoire. La clarté, la construction des phrases témoignent d’une étonnante agilité d’esprit. La mémoire est intacte. Ce sont d’abord des souvenirs familiaux: son père, notaire, maire, conseiller général, « homme d’action ardent vis-à-vis des devoirs de la vie »; sa mère, décédée en 1931 « d’une crise cardiaque »; enfin, les études, le droit et la psychologie, les sciences politiques et la sociologie. Puis, c’est un épais livre d’histoire qu’ouvre maintenant l’accusé: Front populaire, gouvernements Chautemps, Tardieu, Laval. Les jurés, parfois même leurs parents, n’étaient pas nés. Maurice Papon n’a oublié aucune virgule de ses débuts de fonctionnaire: les coulisses parlementaires, les bureaux, les cabinets ministériels. Puis la guerre dans la coloniale. La Syrie, où il a appris « l’horrible défaite », « essayant ça et là, déjà, affirme-t-il, d’écouter Londres ». Dans la salle, le président Castagnède coupe court à la rumeur qui gronde. Le magistrat demande que ne soit pas évoquée la période des faits, qu’il réserve à plus tard. On retrouve donc l’accusé préfet de Corse de 1947 à 1949.

Et le voici qui livre, « pour l’histoire », une mission secrète, inédite: sur l’île, les anciennes pistes des alliés ont servi de bases de transit pour la livraison d’armes à Israël, alors sous embargo. « Cela m’a valu les félicitations des Israéliens », dit-il. Puis, un brin nostalgique, il évoque la « pacification » dans le Constantinois. En mai 1956, il est inspecteur général de l’administration en mission extraordinaire (Igame) pour la région de l’est algérien. Me Touzet, avocat de parties civiles, s’interroge: « Vous êtes-vous jamais élevé contre la violation de la légalité républicaine? » Maurice Papon répond, plus direct: « Je me suis élevé contre la torture, les procédés expéditifs. Mais je n’avais pas, alors, de pouvoir direct sur les opérations militaires. » « Pourquoi n’avez pas démissionné? Je n’ai pas l’habitude de démissionner. » « Démissionner, c’est déserter. » «REGRETTABLE ET SIMPLE»
Alors, vient la plus grande fierté de l’accusé. De 1958 à 1967, il a été préfet de police du général de Gaulle. Sur deux dates, des avocats l’attendent de pied ferme: la répression de la manifestation du FLN (Front de libération national algérien), le 17 octobre 1961, et la tragédie du métro Charonne, le 8 février 1962. « On a fait du 17 octobre un tableau polémique et évidemment exclusivement tourné contre moi. » Il reconnaît la faiblesse des chiffres officiels (deux morts, soixante-quatre blessés), mais tonne contre les estimations « farfelues » qui évoquent trois cents victimes. Pour lui, le nombre des corps jetés à la Seine n’excède pas quinze ou vingt. « De toute façon, fût-ce un seul mort, et c’était déjà un de trop. » Maurice Papon poursuit sa version: des règlements de comptes entre membres du FLN et du MNA (Mouvement national algérien) dissident de Messali Hadj. Une enquête judiciaire, rappelle-t-il, a conclu au non-lieu. Me Varaut demande qu’on verse le dossier aux débats. « Et le dossier administratif pourra un jour être consulté selon les règles », ajoute l’ancien préfet. Après une suspension d’audience, l’accusé reprend sa confession, assis, pour éviter la fatigue. « Charonne est un drame aussi regrettable qu’il est simple. » Et d’expliquer, comme un grand-père raconterait ses mémoires: la manifestation interdite par le gouvernement, son opposition à cette décision, mais l’obéissance aux ordres des chefs ... Il y eut huit tués, plus de cent blessés. « La France a connu une période dramatique. Mon seul souci a été d’assurer la sécurité de mes concitoyens. Je n’ai fait que mon devoir. » « UN GOUVERNEMENT DE FAIT » « L’accusé considère-t-il qu’un fonctionnaire doit obéir à tous les ordres quels qu’ils soient? », demande Me Alain Jakubowicz. « En temps de paix, dans un Etat organisé, avec une hiérarchie qui est formée pour respecter l’Etat, je crois que chaque fonctionnaire a le devoir d’obéir.
Dans une période, disons révolutionnaire, quand l’Etat n’était pas maître de son sort, comme c’était le cas sous l’Occupation, il en est tout autrement, et j’aurai l’occasion d’en reparler. » « Vichy était donc illégitime? » questionne Me Arno Klarsfeld. « Je considère le gouvernement de Vichy comme un gouvernement de fait et non de droit. » Seul dans un coin, l’avocat des Fils et Filles des déportés juifs de France revient alors sur un dépôt de gerbe que l’ancien préfet du général de Gaulle a effectué, en 1965, lors de l’inauguration du Mémorial du martyr juif inconnu. « Effectivement, j’y ai assisté, répond Maurice Papon. J’étais aussi à la synagogue de Bordeaux lors des cérémonies à la Libération. » « Quels sentiments aviez-vous lors de ce déport de gerbe? » Soudain, l’accusé se relève et proteste: « Monsieur le président, je n’ai pas attendu cette inauguration pour rendre hommage au sort funeste et malheureux de la communauté juive. » Il assure: « J’ai dépensé tous mes efforts pour sauver de la déportation un maximum de membres de la communauté juive. J’ai risqué ma vie en radiant cent trente-neuf juifs de la liste sur laquelle ils étaient couchés. C’est avec déchirement que j’ai assisté à la répression nazie contre les juifs. » L’accusé marque un temps. Puis parle de son éducation, de la pudeur acquise de ses parents. Enfin, haussant le ton: « C’est une infamie que de me prêter l’absence de sentiments lors des malheurs qui se sont abattus sur la communauté juive. Puisqu’il faut tout dire ... A Noël 1943, alors que nous nous apprêtions à fêter Noël en famille ..., ma femme et moi-même nous y avons renoncé. Nous avons littéralement pleuré en parlant du convoi du 23 décembre. Je n’ai jamais cessé de porter dans mon coeur le deuil de mes compatriotes juifs ... » L’accusé rattrape un léger silence: « ... et des juifs étrangers. » Il poursuit: « Alors qu’on me prête l’inhumanité des sentiments, alors que ceux-ci sont voilés par la pudeur, ces événements m’ont convaincu que ce XXe siècle est l’un des plus affreux de l’Histoire. Plus certainement que le XVIe, qui, au moins, était au service d’un idéal. Nous avons assisté à l’organisation scientifique et technique d’un meurtre collectif. Pour moi, cela condamne ce siècle où j’ai eu le malheur de vivre. » Me Gérard Welzer, avocat de deux parties civiles, veut poser une question. Mais le président rappelle que l’interrogatoire de personnalité devait éviter d’évoquer les faits. Me Welzer se rassoit: « Si vous pleuriez à Noël 1943, demandait-il à l’accusé, n’est-ce donc pas que vois connaissiez le sort qui leur était réservé? » 17 octobre 1961, la police parisienne jette des Algériens à la Seine Philippe Bernard Avant que son passé sous Vichy ne le rattrape, le nom de Maurice Papon a évoqué d’abord, pour les Algériens et beaucoup de militants de gauche, les événements parisiens d’octobre 1961 et de février 1962. Si la mémoire des neuf manifestants français morts au métro Charonne, le 8 février 1962, a longtemps été entretenue par le PCF et l’extrême gauche, celle des deux cents morts algériens de la nuit sanglante du 17 octobre 1961 a été largement occultée jusqu’au début des années 90. A chaque fois, les violences policières ont été couvertes par un même préfet de police: Maurice Papon. La carrière « algérienne » de l’homme commence dès octobre 1945 par sa nomination comme sous-directeur de l’Algérie au ministère de l’intérieur. Préfet de Constantine entre 1949 et 1951, Maurice Papon retrouve cette fonction cinq ans plus tard, en pleine guerre d’Algérie. « Sous son autorité, les exécutions sommaires et l’usage de la torture sont pratiqués par les militaires et des policiers », écrit Jean-Luc Einaudi dans La Bataille de Paris (Le Seuil, 1991). Promu préfet de police de Paris à la veille de la naissance de la Ve République, Maurice Papon importe ses méthodes musclées dans la capitale. En août 1958, des milliers d’Algériens sont raflés et rassemblés au gymnase Japy et au Vel’ d’Hiv’.
Le nouveau préfet met en place une force de police auxiliaire composée d’Algériens, sur le modèle des « harkas ». Tout est en place pour le drame. « VOUS SEREZ COUVERTS » En octobre 1961, alors que le gouvernement Debré négocie avec le FLN (Front de libération nationale) à Evian et que l’OAS (Organisation armée secrète) multiplie les attentats, la répression atteint son paroxysme contre les Algériens de France, principal soutien financier du FLN. Aux rafles, aux humiliations, aux exécutions sommaires, répondent de multiple assassinats de policiers qui attisent la haine de leurs collègues contre les « Français musulmans d’Algérie ». Le 5 octobre, Maurice Papon, sous l’autorité du ministre de l’intérieur, Roger Frey, astreint ces derniers à un couvre-feu: « En vue de mettre un terme sans délai aux agissements criminels des terroristes algériens (...), il est conseillé de la façon la plus pressante aux travailleurs musulmans algériens de s’abstenir de circuler la nuit (...) » Trois jours plus tôt, le préfet a demandé aux policiers de tirer les premiers lorsqu’ils se sentent menacés et les rassure ainsi: « Vous serez couverts, je vous en donne ma parole.
D’Ailleurs, lorsque vous prévenez l’état-major qu’un Nord-Africain est abattu, le patron qui se rend sur les lieux a tout ce qu’il faut pour que le Nord-Africain ait une arme sur lui, car à l’époque actuelle, il ne peut y avoir de méprise. » Pour la fédération de France du FLN, qui tient à montrer son poids, ce couvre-feu est l’occasion d’une démonstration de force: une manifestation pacifique est organisée en plein centre de Paris. Le soir du 17 octobre, venus des bidonvilles périphériques, quelque trente mille hommes, femmes et enfants marchent dans les quartiers du l’Opéra, de l’Etoile et de l’Odéon. La police réprime violemment des manifestants désarmés et n’opposant aucune résistance. Mains en l’air, des Algériens sont matraqués, renversés puis embarqués dans des autobus de la RATP sous le regard généralement indifférent des Parisiens. Des meurtres par noyade dans la Seine sont commis. Les photographies d’Elie Kagan, les seules à témoigner de cette nuit tragique, montrent des visages ensanglantés, des homes alignés mains sur la tête à la station de métro Concorde, des cadavres abandonnés. Déchaînée, la police procède à des arrestations massives - 11 538 selon la préfecture , regroupant les Algériens au Palais des sports et au stade Pierre-de-Coubertin. Le bilan officiel comptabilisant deux morts parmi les manifestants et deux policiers blessés par balle n’a jamais été rectifié bien qu’il se soit rapidement révélé mensonger. Le FLN comptabilisa deux cents morts et quatre cents disparus. Une soixantaine d’informations judiciaires ont dû être ouvertes, correspondant à autant de cadavres d’Algériens repêchés dans la Seine, le canal Saint-Martin, ou découverts dans les bois de la région parisienne. ENQUÊTE PARALYSÉE Les procédures n’ont jamais abouti, mais ont permis au préfet de paralyser le travail d’une commission d’enquête parlementaire. Maurice Papon fera obstruction à toutes les tentatives lancées pour faire la lumière sur les événements du 17 octobre. Pourtant, peu à peu, la réalité des atrocités commises s’impose. Quelques jours après les événements, des intellectuels parmi lesquels Louis Aragon, Jean-Paul Sartre, Pierre Boulez et Pierre Vidal-Naquet signent un manifeste: « En restant passifs, les Français se feraient les complices des fureurs racistes dont Paris est désormais le théâtre et qui nous ramènent aux jours les plus noirs de l’occupation nazie, y lit-on.
Entre les Algériens entassés au Palais des sports en attendant d’être "refoulés" et les juifs parqués à Drancy avant la déportation, nous nous refusons à faire une différence (...). » « La responsabilité du préfet de police est directe, personnelle, écrasante » Jean-Luc Einaudi, historien Propos recueillis par Ariane Chemin L’HISTORIEN Jean-Luc Einaudi, auteur de La Bataille de Paris-17 octobre 1961 (Seuil, 1991), est cité à comparaître, jeudi 16 octobre, à la demande des parties civiles, dans le cadre de l’examen de personnalité de Maurice Papon. « Quelle est la responsabilité de Maurice Papon dans la mort de plus de deux cent Algériens, en octobre 1961? - Elle est directe, personnelle, écrasante. Préfet de police de Paris et du département de la Seine, Maurice Papon était le responsable de l’action des forces de police: à ce titre, il était parfaitement au courant du déroulement des opérations. Les témoignages directs sont suffisamment nombreux pour prouver que les victimes d’octobre 1961 (noyés, tués par balle, morts à la suite de coups, de crânes éclatés) résultent d’une action concertée de la police. On a tué le 17, on a également tué le 18, en dehors de la manifestation, au Palais des sports, dans la cour de la préfecture, au stade Pierre-de-Coubertin. - Est-ce la première fois que Maurice Papon invoque la responsabilité de « commandos du FLN »? - Formulée ainsi, la défense de Maurice Papon est tout à fait nouvelle. Une thèse approchante courait à l’époque dans les milieux officiels. Roger Frey, ministre de l’intérieur, expliquait que les noyés retrouvés dans la Seine et dans les canaux auraient été les victimes de règlements de comptes entre Algériens. En outre, cette thèse, tout à fait aberrante, n’est pas celle que Maurice Papon développait alors. Totalement mensonger, le communiqué de la préfecture de police du 17 octobre ne parlait en effet que de « deux morts » et expliquait que les « membres du service d’ordre » avaient été contraints de « riposter » aux « coups de feu » tirés par les Algériens. Je précise qu’il n’y a eu aucun policier blessé par balle, et que, le 18 octobre, seul l’un d’entre eux n’a pu reprendre son service. « On peut dire aujourd’hui que les victimes étaient près de trois cents - en tout cas plus de deux cents. Constantin Melnik, à l’époque conseiller de Michel Debré pour les affaires de police et de renseignement, a lui-même reconnu en mars 1992 que la répression avait fait « entre cent à trois cents morts ». Reste que c’est la première fois que M. Papon reconnaît un nombre de victimes supérieur à trois ... - Pourquoi, selon vous, livre-t-il cette version? Parce que la seule autre issue pour lui, ce serait de reconnaître la vérité. En couvrant ses crimes, Maurice Papon se couvre lui-même. Il s’est enfermé dans le mensonge, et le mensonge, à un moment donné, débouche sur l’aberration. - Le ministre de l’intérieur, Jean-Pierre Chevènement, a indiqué, mercredi, qu’il était « prêt à chercher à faire la vérité » sur ces événements. Il a rappelé que le secret des archives ne peut être levé qu’après soixante ans, ajoutant toutefois que la loi du 3 janvier 1979 prévoit des « dérogations ». C’est un engagement important? - C’est une déclaration politique qui me paraît tout à fait importante. Jusqu’à maintenant, les demandes de consultation des archives ont toutes été refusées. C’est la première fois qu’un ministre de l’intérieur souhaite éclairer cette période. Voyons maintenant comment ces intentions vont se traduire dans leur application. On peut d’ores et déjà poser une question. Ces archives sont-elles complètes? N’ont-elles pas été expurgées? N’oublions pas que Maurice Papon a été préfet de police jusqu’en 1967 ... »
 



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